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"Der Kunde denkt nicht in Kanälen"

Wie die Digitalisierung den Handel verändert

"Auf allen Kanälen: Wie die Digitalisierung den Handel verändert“ darüber wollten über 100 Gäste am 11. Juni diskutieren. Zur Veranstaltung hatten eBay, der Handelsverband Deutschland (HDE) und die METRO GROUP eingeladen. Auf dem Podium diskutierten Renate Künast, MdB und Thomas Jarzombek, MDB mit Prof. Werner Reinartz vom Institut für Handelsforschung Köln, Dr. Stephan Zoll von eBay und Gabriele Riedmann de Trinidad von der METRO GROUP. Moderiert wurde die Veranstaltung von Lena Sophie Müller von der Initiative D21.

Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) eröffnete den Abend. Bei der "Digitalen Transformation" des Handels ginge es, so Tromp, nicht nur um die Frage online oder offline, sondern auch um Themen wie Datenschutz oder Zahlungsmethoden. 

Er betonte, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen zeitgemäß sein müssten. Den eigenen Kunden unkompliziert WLAN anbieten zu können, ohne dabei in rechtliche Schwierigkeiten zu geraten, sei nur ein Beispiel. Diese so genannte "Störerhaftung" wird derzeit im Deutschen Bundestag im "Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Telemediengesetzes" diskutiert.

Tromp fügte hinzu, dass innovatives Handeln der Unternehmen, aber eben auch beherztes Handeln der Politik gefragt sei. Die wichtigsten Positionen und Forderungen des Einzelhandels hätte der HDE daher in einer "Digitalen Agenda" zusammengefasst.

In seiner Keynote verdeutlichte im Anschluss Prof. Reinartz, wie die Digitalisierung bestehende Strukturen im Alltag verändert. So würden Jugendliche mittlerweile weniger TV sehen, sondern Portale wie Netflix und Amazon nutzen um Serien und Filme anzuschauen. Auch wenn die Freiheit zu entscheiden, wann, wo und wie man konsumieren möchte, im Handel noch nicht vergleichbar fortgeschritten sei, zeige dieses Beispiel aber, was auf den Handel zukomme.

Die Transformation habe gerade erst begonnen und würde neue Werte schaffen, so ProfReinartz. Allerdings würde es am Ende nicht nur Gewinner sondern auch Verlierer geben, zudem verlaufe sie nicht nur ökonomisch sondern auch gesellschaftlich.

Mithin sei die gesamte Wertschöpfungskette vom Wandel betroffen: Der Handel müsse sich darauf einstellen, dass zunehmend branchenfremde Spezialisten in die Wertschöpfungskette eindringen und Funktionen, die zum jetzigen Zeitpunkt der Handel ausführt, künftig zum Teil durch Hersteller oder Verbraucher übernommen werden würden.

Prof. Reinartz wies darauf hin, dass dieser Prozess unumkehrbar sei, sich das Verbraucherverhalten bereits verändert hätte und in Zukunft weiter ändern würde. Seine These: „ Der Kunde denkt nicht in Kanälen, sondern möchte von der Vernetzung optimal profitieren. Wir brauchen keine Welt, die nur online verkauft, wir brauchen eine Welt die kombiniert verkauft“.

Um verlässliche Prognosen über die Auswirkungen der digitalen Transformation abgeben zu können, arbeitet Prof. Reinartz mit dem Institut für Handelsforschung in Köln an der Langzeitstudie „Handelswelt 2020“ zusammen, die sich mit diesem Thema befasst. Erste Zahlen der Studie deuten darauf hin, dass es 2020 circa 40.000 Geschäfte weniger geben wird. Vor allem ländliche Regionen und kleinere Städte abseits der Ballungszentren werden laut Studie davon betroffen sein. Hier seien schnelle Lösungen der Politik gefragt, forderte Prof. Reinartz abschließend.

Dass Politik viele Berührungspunkte mit der Digitalisierung hat, zeigte sich in der anschließenden Podiumsdiskussion: Vom Datenschutz, Produktionsbedingungen entlang der Lieferkette, Verbraucherverhalten bis hin zu Bildungsvoraussetzungen und digitaler Kompetenz ging die Bandbreite. Renate Künast, MdB, Vorsitzende des Ausschusses Recht und Verbraucherschutz, führte aus, dass gerade eine große Angebotsdifferenz Einschränkungen unterliegen müsse: „Der Wanderzirkus der Produktion darf nicht immer nur dahin gehen, wo es am billigsten ist“. Sie plädierte für lokalen und regionalen Konsum. 

Dr. Stephan Zoll, Geschäftsführer von eBay Deutschland, stellte in der Runde die Ergebnisse einer eBay Umfrage vor, der zufolge sich Händler vor allem eine Lockerung der Vertriebsbedingungen, eine Einschränkung des Abmahnwesens und eine Vereinfachung des grenzüberschreitenden Handels für die Zukunft wünschen. Plattformen wie Ebay schafften es, kleinen Händlern einen Zugang zu einem viel größeren Markt zu geben, so Zoll

Gabriele Riedmann de Trinidad von der METRO GROUP betonte die gestiegene Bedeutung des sogenannten Multichannel retailing. Beispielhaft führte sie die Strategie von Media Markt auf. Hier würde bereits jetzt das gelten, was der aktuelle Werbeslogan zusammenfasse: „Wer will, der kriegt – im Markt, im Netz. Jederzeit!“.

Weiteres Beispiel für die Verknüpfung von online und stationären Handel sei die Beteiligung der METRO GROUP am Startup "Emmas Enkel" - einem Lebensmittelhändler, bei dem man die Waren an der Ladentheke in einem zentral gelegenen Tante-Emma-Laden kaufen oder via Smart-Phone und Onlineshop nach Hause liefern lassen kann. Geplant sei, alle Standorte des online Lebensmittelhändler, in Zukunft durch die METRO - Vertriebslinie real,- beliefern zu lassen. real,- erschließe auf diese Weise neue Absatzkanäle.

Bei der Digitalisierung im Handel gehe es nicht darum, dass ein Händler einen Onlineshop eröffne, so Riedmann de Trinidad. Das greife zu kurz. "Der billigste Preis und das größte Sortiment sind nicht der größte Differenzierungsvorteil", sagte sie - es gehe um Service.

Um innovative digitale Servicelösungen gehe es beispielsweise auch beim neu geschaffenen "Techstars METRO Accelerator", einem Förderprogramm für Gründerteams, die mit ihren technologischen Anwendungen die Digitalisierung in Gastronomie, Hotellerie und Catering unterstützen wollen.

Für Thomas Jarzombek, MdB, Sprecher des Ausschusses Digitale Agenda, war klar: "Der digitale Wandel wird kommen. Entweder man stellt sich an die Spitze oder man geht unter". Für die Regulierung heiße das möglichst gute Rahmenbedingungen zu setzen. In diesem Zusammenhang sprach er sich gegen die jetzige Form des Verbandsklagerecht bei Datenschutzverstößen aus.
Was die Zukunft des Handels hinsichtlich der digitalen Transformation angehe, sei er aber angesichts der zahlreichen positiven Beispiele aus der Praxis guter Dinge, so sein Fazit der Veranstaltung. 

Felipe Hinrichsen

Informationen zum Autor

Felipe Hinrichsen ist als Referent Nationale Politik im Konzernbüro Berlin der METRO tätig.