Diskutieren Sie mit!

Einloggen mit

oder

Anmelden

Neu registrieren

Wenn Sie noch kein Diskussionsteilnehmer sind, dann können Sie sich hier registrieren.

Unsere Kommentar- und Community-Richtlinien

Diese Plattform dient dem gemeinsamen Austausch. Die Kommentarfunktion soll eine sachliche Diskussion ermöglichen. Um dies zu gewährleisten, behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu löschen, die einer solchen Diskussion nicht förderlich sind und sich nicht auf die Beiträge beziehen. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung.
Weitere Informationen finden Sie in unseren Kommentar-Richtlinien.

"Auf die eigenen Sinne vertrauen"

Ein Gespräch mit Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Tafel e.V.

Seit fast 25 Jahren schlagen die Tafeln in Deutschland eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel und verteilen übriggebliebene Lebensmittel an Bedürftige. Wir sprachen mit Jochen Brühl, dem Vorsitzenden des Bundesverbands Deutsche Tafel e.V. über Möglichkeiten Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, Verbraucherbildung und die bevorstehende Bundestagswahl.

METRO: Herr Brühl, statistisch gesehen wirft jeder von uns im Durchschnitt 82 kg Lebensmittel pro Jahr in den Müll. Ein großer Teil dieser Lebensmittel entfällt auf private Haushalte. Haben Sie praktische Tipps, wie es gelingt, im Alltag weniger Lebensmittel wegzuwerfen?

Jochen Brühl: Zuerst muss sich jede und jeder Einzelne bewusst werden, wie wertvoll unsere Lebensmittel überhaupt sind. Wenn man weniger Lebensmittel wegschmeißt, schont man nicht nur den eigenen Geldbeutel.  Man leistet mit einem verantwortungsvollen Umgang auch einen Beitrag für die Umwelt: für die Produktion von Lebensmitteln werden wertvolle Ressourcen wie Energie und Wasser verbraucht.  Im Alltagverlockt das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) gern, noch genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Aber wie der Name sagt, bezeichnet es nur die Mindesthaltbarkeit und nicht die Verbrauchbarkeit. Bei vielen Lebensmitteln kann man nach Ablauf des MHD auf die eigenen Sinne vertrauen und so prüfen, ob die Nahrungsmittel noch genießbar sind.

METRO: Durch die in den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen festgeschriebene Zielsetzung, bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung zu halbieren, ist das Thema in Deutschland und anderen EU-Mitgliedsstaaten weit oben auf der politischen Agenda angekommen. Wie beurteilen Sie die in Frankreich oder Italien verabschiedeten Gesetze, die den Handel verpflichten, noch verzehrfähige Produkte an gemeinnützige Organisationen zu spenden?

Jochen Brühl: Die Situation in Deutschland ist eine andere und nicht vergleichbar mit der in Frankreich oder Italien. Die Tafeln arbeiten seit fast 25 Jahren eng mit allen großen Supermärkten und Discountern sowie Großhändlern wie METRO Cash & Carry zusammen. Was andere Länder per Gesetz zu verordnen versuchen, ist in Deutschland längst Gang und Gäbe: Tafeln sammeln überschüssige, qualitativ einwandfreie Lebensmittel ein und geben diese an Bedürftige weiter. Dieses Prinzip basiert auf freiwilliger Zusammenarbeit und hat sich absolut bewährt. Zudem belegen Studien, dass über 60% der Lebensmittelabfälle in den Privathaushalten und nur etwa 5% im Handel anfallen. Was wir daher sehr begrüßen, ist die Forderung eines Schulfachs für Ernährungsbildung.

Bild vergrößern

By 2030, halve per capita global food waste at the retail and consumer levels and reduce food losses along production and supply chains, including post-harvest losses

METRO: In Deutschland wird über die Einführung einer zusätzlichen Haltbarkeitsangabe auf Lebensmitteln, des sogenannten Verbrauchsverfallsdatums, diskutiert. Ein anderer Vorschlag ist die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums auf langlebigen Lebensmitteln wie Nudeln. Was halten Sie von diesen Vorschlägen?

Jochen Brühl: Wir begrüßen Vorschläge, die dazu führen, dass weniger Lebensmittel weggeschmissen werden. Bei der Einführung neuer Haltbarkeitsangaben ist zunächst zu prüfen, ob sie zu Klarheit und einer leichteren Verständlichkeit für Verbraucherinnen und Verbraucher beitragen. In erster Linie versuchen wir über Bildung und Aufklärung zu mehr Wissen über Siegel und Etikette beizutragen – auch hier sehen wir das Schulfach Ernährungsbildung als eine hilfreiche Maßnahme.  Da das MHD vielfach fälschlicherweise als Verbrauchsdatum verstanden wird,  und viele Menschen Lebensmittel unnötigerweise wegschmeißen, sobald das MHD auch nur einen Tag abgelaufen ist, begrüßen wir die Abschaffung des MHD bei langlebigen Lebensmitteln, wie z.B. Reis oder Nudeln.

METRO: Foodsharing-Plattformen, Restaurants, die übrig gebliebene Lebensmittel verwerten, Apps, die kurz vor Restaurantschluss über vergünstigte Gerichte informieren – es gibt inzwischen zahlreiche Initiativen und Geschäftsmodelle, die sich um die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung drehen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Jochen Brühl: Es ist gut, dass das Thema Lebensmittelverschwendung in den letzten Jahren an Wichtigkeit gewonnen hat und sich immer mehr Menschen dafür einsetzen. Es ist unser Anliegen weiter für das Thema zu sensibilisieren, um die Menge an geretteten Lebensmittel zu steigern. Uns ist allerdings ebenfalls wichtig, eine Brücke zu bauen, zwischen Überfluss und Mangel und bedürftige Menschen mit diesen Lebensmitteln zu unterstützen. 60.000 hauptsächlich Ehrenamtliche engagieren sich damit für mehr Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft. Die Tafeln sind in den letzten 24 Jahren dadurch zu Orten der Begegnung geworden und bieten eine Anlaufstelle für Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen.

METRO: Gemeinsam mit der Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb) und dem Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL) haben Sie das Projekt „Lecker tafeln!“ ins Leben gerufen – was verbirgt sich dahinter?

Jochen Brühl: Mit dem Projekt „Lecker tafeln! Von der Tafel auf den Familientisch“ fördern wir die Ernährungs- und Lebensmittelkompetenz von Tafel-Kundinnen und Kunden und sensibilisieren für mehr Wertschätzung für Lebensmittel. In den Pilottafeln Weimar, Friedberg und Nordhorn haben wir z.B. Kochaktionen zusammen mit den Tafel-Kundinnen und Kunden angeboten. Wir erhoffen uns, dass das Wissen über die Lebensmittel mit nach Hause genommen und im Alltag umgesetzt wird.

Zudem freuen wir uns, dass wir für das Projekt mit dem „Zu gut für die Tonne Bundespreis für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung 2017“ vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ausgezeichnet wurden.

METRO: Neben der Linderung von Armut ist Integration ein wichtiges Thema für die Tafeln – wie hat sich der Alltag der Tafeln durch den vermehrten Zuzug von Geflüchteten verändert?

Jochen Brühl: Die Tafeln sind für viele Geflüchtete zu einer der ersten Anlaufstellen in Deutschland geworden. Wir sehen uns als Motor der Integration und bieten schnelle und niedrigschwellige Angebote, zum Beispiel mit Lebensmittelspenden, Kleiderkammern, Begleitung zu Behördengängen oder Deutschunterricht. Was uns besonders freut, ist, dass unter den vielen Tafel-Aktiven auch immer mehr geflüchtete Menschen anpacken und sich engagieren, viele helfen auch als Übersetzer mit. Mit dem Projekt „HeimatTafel“ unterstützen wir z.B. lokale Tafeln und binden Geflüchtete in die Tafel-Arbeit ein.  

Mit der Veröffentlichung unserer Charta gegen Rassismus  setzen wir zudem ein starkes Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Alle über 930 Tafeln in Deutschland leben eine Kultur der Toleranz – wir respektieren alle, unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft, Nationalität oder Religion.

METRO: 1993 wurde in Berlin die erste Tafel Deutschlands gegründet nach amerikanischem Vorbild.  Was wünschen Sie sich mit Blick auf das 25-jährige Jubiläum der Tafelbewegung im nächsten Jahr?

Jochen Brühl: Das nächste Jahr steht ganz im Fokus der Zukunft der Tafeln: wir sehen bei den Tafel-Helferinnen und Helfern einen Generationenwechsel bevorstehen. Das bedeutet, dass wir neue Ehrenamtliche für uns begeistern wollen. Auch das Thema Digitalisierung betrifft die Tafeln und wir arbeiten hier mit unseren Tafel-Mitgliedern und Partnern, wie der METRO an einer Weiterentwicklung.

Gleichzeitig verändert sich das, was uns ausmacht natürlich nicht: wir retten Lebensmittel und haben unsere Mitmenschen im Blick und treten damit als Fürsprecher für Menschen ein, die am Rande unserer Gesellschaft stehen. Das Jubiläum möchten wir zudem verstärkt nutzen, um die Politik und den Staat an ihre Verantwortung zu erinnern: Bei der Reduzierung von Lebensmittelverschwendung sowie bei sozialpolitischen Themen - wir fordern eine sozial-ökologische Wende. Unsere aktuellen politischen Forderungen sind hier nachzulesen.

Die Tafeln in Deutschland: Lebensmittel retten. Menschen helfen.

Die mehr als 930 gemeinnützigen Tafeln in Deutschland sammeln einwandfreie überschüssige Lebensmittel von Herstellern und Händlern und verteilen diese regelmäßig an bis zu 1,5 Millionen bedürftige Menschen in Deutschland. Damit schaffen sie eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel. Mit rund 60.000 Ehrenamtlichen, die sich bei den Tafeln engagieren, sind die Tafeln eine der größten sozial-ökologischen Bewegungen in Deutschland. Die aktuellen politischen Forderungen zur Bundestagswahl sind hier einsehbar.

Zur Partnerschaft zwischen Tafeln und METRO

Die METRO unterstützt die Tafeln bereits seit 2006 als finanzieller Hauptsponsor und ermöglicht so den Auf- und Ausbau der Tafel Deutschland-Geschäftsstelle in Berlin. Dieses Engagement hat maßgeblich zu der Professionalisierung der Tafel-Arbeit beigetragen. Die METRO unterstützt die Arbeit der Tafeln und des Dachverbandes zudem auch ideell sowie bei Veranstaltungen und im Rahmen von regelmäßigen Spenden-Aktionen. Parallel dazu tragen die Vertriebslinien METRO Cash & Carry und Real mit ihren täglichen Lebensmittelspenden und mit individuellen Spenden-Aktionen vor Ort zu den Hilfsangeboten der Tafeln bei.

Bildnachweis Titelbild: Wolfgang Borrs

Stefanie Awe

Informationen zum Autor

Stefanie Awe ist als Referentin Nationale Politik im Konzernbüro Berlin der METRO tätig.