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"Das ist keine Ideologie, sondern pure Zukunftssicherung"

Wie werden wir alle satt? Neuer Film von Valentin Thurn startet

Heute startet der Dokumentarfilm „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ von Regisseur Valentin Thurn in den Kinos. Bis 2050 soll die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen anwachsen. Doch wo soll die Nahrung für alle herkommen? Kann man Fleisch künstlich herstellen? Sind Insekten die neue Proteinquelle? Oder baut jeder bald seine eigene Nahrung an? Thurn macht sich im Film auf die Suche nach möglichen Antworten. Wir fragen nach.

Herr Thurn, Ihr Film trägt die entscheidende Frage im Titel: Wie werden wir alle satt?

Die Welt ist komplex. Darauf gibt es nicht die eine, große Antwort. Ich denke, dass es viele kleine Antworten gibt – vor allem lokale Antworten. Wenn wir die eine, globale Antwort suchen, dann ist die Gefahr sehr groß, dass wir daran scheitern. Ein globaler Markt kann für die bedürftigen Länder nicht funktionieren. Für diese Länder müssen wir angepasste Lösungen finden. 

Der Film beschreibt verschiedene dieser lokalen Antworten: Eine japanische Pflanzenfabrik, Urban Gardening, Aquaponik, ein solidarisches Landwirtschaftsprojekt im Rheinland. Welcher Ansatz hat Sie am meisten bewegt? 

Meine persönliche Heldin ist die Kleinbäuerin Fanny Nanjiwa Likalawe aus Malawi. Sie berichtet mit großem Stolz von ihrem Weg, unabhängig zu werden. Das Entscheidende dabei: Das war nicht sehr kompliziert. Es waren lediglich einige Veränderungen nötig, in der Art und Weise wie Landwirtschaft in Fannys Dorf betrieben wird. Leider ist das Wissen, wie Landwirtschaft so betrieben werden kann, dass sie krisensicher ist, verloren gegangen. Gut, dass es mittlerweile wieder einen stärkeren Fokus auf genau diese Kleinbauern und dieses Wissen gibt. 

Projekte der UN-Organisation UNIDO oder Engagement von Unternehmen: Können diese eine positive Rolle spielen bei der Stärkung der Kleinbauern?

Die Grundversorgung muss im eigenen Land erfolgen. Aber Luxusartikel sollen natürlich in den Export gehen. Das sorgt für zusätzliche Mittel, so dass die Bauern sich auch mal ein Radio oder ein Fahrrad leisten können. Das hilft. Genau beim Export dieser Produkte – Ananas, Mango, Kakao – kann die Entwicklungshilfe ansetzen. Denn zu viel der Ernte geht noch verloren. Gerade in den Entwicklungsländern sind die Verluste auf den Feldern problematisch. Da sind Wirtschaft und Entwicklungshilfe in der Lage, etwas zu tun. Noch wichtiger – und ökologisch sinnvoller – als die Produktivität zu erhöhen, ist es, die Verluste zu reduzieren. 

Mit genau dieser Frage der Lebensmittelverschwendung haben Sie sich bereits im Film „Taste the waste“ befasst. Wie kam es nun zum neuen Film? 

Ehrlich gesagt im Kino. Jede Diskussion begann beim Mindesthaltbarkeitsdatum und endete beim Welthunger. Insofern war der neue Film ein klarer Publikumsauftrag. 

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Das zeigt ja: Das Interesse muss da sein. Wie beurteilen Sie das Bewusstsein für „das Gute essen“ bei uns in Deutschland? 

Der Anteil der Menschen, der sich dafür interessiert, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Diese sind potentiell bereit, mehr Geld für gute Nahrung auszugeben. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Es sind immer noch 75 Prozent, die in erster Linie nach dem Preis aussuchen. Da hat man als Bauer und als Händler ein Problem, denn das engt den Handlungsspielraum ein. Deshalb ist es wichtig, dass sich noch mehr Menschen bewusst damit beschäftigen. 

Ist das nicht nur ein Zeitgeist- oder Distinktionsthema? 

Ich freue mich, dass es diese Bewegung schon seit einigen Jahren gibt, weltweit, und viele junge Menschen sich dafür interessieren. Ich finde es bemerkenswert, dass auch die Bereitschaft da ist, sich in die komplexen Themen einzuarbeiten. Das ist auch für unseren Film wichtig: Weder geht es um billige Schenkelklopfer, noch darum, Konzerne in die Pfanne hauen. Beides ist nicht angemessen. Was wir brauchen, ist die Bereitschaft für diese komplexen Themen und die Bereitschaft, vernetzt zu denken. 

Vernetztes Denken – geht es darum auch in der Politik? 

Von Politik wünsche ich mir vor allem: bessere Rahmenbedingungen. Das heißt konkret mehr Förderprogramme für ökologischen Landbau, weniger Subventionen für konventionelle Methoden. Man muss vor allem sagen: Unsere Preise sind nicht ehrlich. Die konventionelle Landwirtschaft ist meiner Meinung nach nur deswegen vermeintlich günstiger, weil die Schäden nicht eingepreist werden. Das müssen wir ändern. Und dabei geht es nicht um Ideologie sondern um pure Zukunftssicherung. 

Und der Handel? 

Nehmen Sie den Wunsch der Verbraucher ernst! Auch wenn es erst ein Viertel der Menschen ist. Aber verkaufen Sie die Leute nicht für dumm. Manche bauen da eine Mogelpackung auf – gerade wenn es um die Regionalität geht. Manchmal wirkt das wie „regional, saisonal, scheißegal“ für mich. Natürlich ist mir klar, dass „Regionalität“ nicht endgültig definiert ist und dass „regional“ alleine keine Auszeichnung ist. Wichtig ist aber, dass das Bewusstsein für diese Knackpunkte da ist und noch weiter in die Gesellschaft getragen wird. Dann können wir etwas verändern. 

Herr Thurn, vielen Dank für das Gespräch. 

Auch bei der METRO GROUP beschäftigen wir uns mit diesen Entwicklungen - nicht nur im Kino oder auf dieser Seite. Zwei Beispiele: Gemeinsam mit Kooperationspartnern beraten wir Landwirte in Schwellen- und Entwicklungsländern. Dabei geht es vor allem darum, die Lebensmittelverluste unmittelbar nach der Ernte sowie bei Lagerung und Transport zu verringern.
Ein weiteres Beispiel sind die Ozeane: Es ist zu erwarten, dass die Ozeane als wesentliche Lebensmittelquelle zukünftig eine besondere Rolle spielen. Denn es wird schwierig sein, den Proteinbedarf der Zukunft nur über Landtiere und pflanzliche Produkte abzudecken. Deshalb setzen wir uns für eine nachhaltige Fischerei ein und arbeiten aktiv darin mit – zum Beispiel durch Rückverfolgbarkeitssysteme, die bei der Vermeidung von illegalem Fischfang helfen.

Mehr dazu finden Sie auch in unserem Corporate Responsibility Report.

Zum Regisseur

Valentin Thurn drehte über 40 Dokumentationen für Fernsehen und Kino. Sein bekanntester Kinofilm „Taste the Waste“ war 2011 mit 130.000 Zuschauern einer der erfolgreichsten deutschen Dokumentarfilme. Er wurde auf der Berlinale uraufgeführt und auf 30 Filmfestivals weltweit gezeigt, gewann den Umwelt-Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe sowie 15 weitere Preise. 2011 schrieb er das Buch „Die Essensvernichter“, 2012 folgte das „Taste the Waste“-Kochbuch, und 2013 drehte er „Die Essensretter“. Valentin Thurn ist Diplom-Geograf und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. 1993 gründete er die „International Federation of Environmental Journalists“ (IFEJ), 2012 den Verein „Foodsharing e.V.“.

Der Film läuft ab dem 16. April in den Kinos. 

Raphael Neuner

Informationen zum Autor

Raphael Neuner leitet die Abteilung Nationale Politik. Er beschäftigt sich dabei vor allem mit gesellschaftlichen Entwicklungen und politischer Regulierung im Bereich des Handels.