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"Der Handel ist eine extreme Branche"

Ein Gespräch über Gerechtigkeit, Jobs und die Tarifbindung im Handel

Prof. Dr. Anke Hassel  (WSI) und Dr. Peter Krasberg (METRO) diskutieren über Gerechtigkeit in Deutschland, prekäre Jobs und die Tarifbindung im Handel.

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Beim Thema Arbeit geht es immer auch um Gerechtigkeit. Fangen wir damit an: Wie gerecht geht es in Deutschland zu?

Prof. Dr. Anke Hassel: Die Arbeitsmarktlage ist gut und die Mehrheit der Beschäftigten zufrieden. Gleichzeitig ist aber der Niedriglohnsektor gewachsen und die Vermögensungleichheit in Deutschland nähert sich eher amerikanischen Verhältnissen als dem europäischen Durchschnitt an. Das zeigt, dass dieses Thema weiterhin auf die Tagesordnung gehört.

Dr. Peter Krasberg: Gerechtigkeit lässt sich nicht nur an der Vermögensverteilung festmachen, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Aspekten. Unser Sozialsystem ist stabil, unsere Krankenversicherung verlässlich. Und auch mit unserem beinahe kostenlosen Bildungssystem sind wir auf einem guten Weg.

Gilt das auch für die Arbeitsmarktpolitik? Für den Einsatz von Zeitarbeit und Werkverträgen gibt es ja neue gesetzliche Regeln.

Dr. Peter Krasberg: Diese Regeln sind ein Kompromiss und wir müssen nun Lösungen finden, um mit der neuen Gesetzeslage zurechtzukommen. Im Handel ist Zeitarbeit zum Beispiel für die Einsatzplanungan der Kasse sehr wichtig. Und in Spitzenzeiten wie dem Weihnachts- und Ostergeschäft brauchen wir diese Flexibilität.

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Prof. Dr. Anke Hassel: Ja, Unternehmen brauchen Spielräume. Aber Deutschland hat dafür mehr als genug Stellschrauben wie zum Beispiel die Leiharbeit. Problematisch wird es, wenn Unternehmen diese Stellschrauben nicht mehr als Flexibilitätspuffer einsetzen, sondern zum Geschäftsmodell machen. Dann wird die Ausnahme zur Regel und aus regulärer Arbeit werden prekäre Jobs.

Dr. Peter Krasberg: Da gebe ich Ihnen Recht: Wenn ich nur noch Zeitarbeiter im Unternehmen hätte, dann wäre dies ein anderes Geschäftsmodell.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles fordert ein Rückkehrrecht in Vollzeit. Welche Auswirkungen hätte das auf den Handel?

Dr. Peter Krasberg: Im Handel haben wir eine Teilzeitquote von rund 60 Prozent. Bereits nach heute geltender Rechtslage müssen Mitarbeiter, die in Vollzeit zurückkehren wollen, bevorzugt behandelt werden, wenn eine Vollzeitstellefrei wird – das ist ein ausreichender Schutz. Wenn ein gesetzliches Rückkehrrecht besteht und zu viele davon Gebrauch machen, dann kriegen die Handelsunternehmen enorme Überkapazitäten von Arbeitskräften.

Prof. Dr. Anke Hassel: Das Problem ist nicht einfach zu lösen, aber es lässt sich nicht ignorieren. Gerade in Deutschland stecken viele Frauen in der Teilzeitfalle, weil sie keine Chance auf Rückkehr in Vollzeit haben. Das bedeutet nicht nur weniger Gehalt, sondern auch, dass die Betroffenen anderen beim Aufstieg auf der Karriereleiter zusehen müssen. Wir müssen das Thema Arbeitszeit aber viel grundsätzlicher angehen.

Inwiefern?

Prof. Dr. Anke Hassel: Wir müssen uns verabschieden von der Vorstellung, dass es Vollzeit, Teilzeit und Minijobs gibt und sonst nichts. Wahlarbeitszeiten zum Beispiel sind sinnvoll, also die Möglichkeit, 25, 30 oder 35 Stunden zu arbeiten. Wir brauchen bei der Arbeitszeit mehr Optionen, die von den Tarifpartnern ausgehandelt werden.

Dr. Peter Krasberg: Je mehr zeitliche Flexibilität wir den Mitarbeitern geben, desto schwieriger ist es für das Unternehmen, den Personaleinsatz zu planen. Wenn wir schon über Arbeitszeitflexibilität reden, sollten wir auch das Arbeitszeitgesetz anfassen. Es ist nicht mehr zeitgemäß, wenn man sich die flexible Arbeitswirklichkeit anschaut.

Ist das Arbeitszeitgesetz tatsächlich veraltet?

Prof. Dr. Anke Hassel: Nein, wir brauchen Schutzräume – auch Flexibilität hat ihre Grenzen. Natürlich können die Leute mehr arbeiten und Überstunden machen. Aber irgendwann ist Feierabend, es muss eine klare Trennung zwischen Arbeits- und Erholungszeit geben. Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir die Arbeitszeiten komplett öffnen.

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Anderes Thema: Tarifflucht gibt es in vielen Branchen, auch im Handel. Woran liegt das und was kann man dagegen tun?

Dr. Peter Krasberg: Die Mehrheit der nicht tarifgebundenen Unternehmen im Handel hat keine Tariffl ucht begangen, sondern ist gar nicht erst in den Flächentarifvertrag gegangen, weil sie mit dem Produkt „Tarifvertrag“ nicht zufrieden ist. Andere Unternehmen haben Wege gesucht, die Tarifbindung abzulegen. Die Sozialpartnermüssen das Produkt „Tarifvertrag“ verbessern, um seine Attraktivität für Unternehmen zu steigern. Die gegenwärtige Situation führt zu erheblichen Ungleichgewichten. Das ifo-Institut hat errechnet, dass die Lohnkostenunterschiede zwischen tarifgebundenen und nicht tarifgebundenen Einzelhandelsunternehmen bis zu 30 Prozent betragen – für die gleiche Tätigkeit!

Prof. Dr. Anke Hassel: Der Handel ist eine extreme Branche mit starkem Kosten- und Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig hat die Gewerkschaft keinen Hebel, um die Unternehmen in die Tarifbindung zu zwingen. Eine Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) des Tarifvertrags würde faire und gleiche Rahmenbedingungen schaffen und der Tarifflucht entgegenwirken.

Dr. Peter Krasberg: Eine AVE würde nicht die Gründe für die Tarifflucht beseitigen, sondern lediglich alle mit dem beglücken, was sie eigentlich nicht wollen. In der aktuellen Situation ist eine Allgemeinverbindlichkeitkeine geeignete Lösung, da die Tarifverträge in der jetzigen Form nicht mehr zeitgemäß sind. Erst einmal müssen die Sozialpartner im Handel dafür sorgen, dass es neue Tarifverträge gibt, die für die breite Mehrheit der Einzelhandelsbetriebe machbare Mindestbedingungen setzen.

Haben Tarifverträge denn grundsätzlich eine Zukunft?

Prof. Dr. Anke Hassel: Tarifverträge werden auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Es haben doch gerade die Industriebranchen, die besonders wettbewerbsfähig sind, eine starke Tarifpartnerschaft.Tarifautonomie und Sozialpartnerschaft bleiben wesentliche Bausteine des deutschen Wirtschaftsmodells.

Dr. Peter Krasberg: Gegen das Modell an sich ist nichts einzuwenden. Es ist ein hohes Gut in Deutschland, einen Tarifvertrag eingehen zu können. Es ist aber auch ein hohes Gut, sich dagegen entscheiden zu können.

Dieses Interview erschien auch im Handelsbrief 02/2017. Sie können die Ausgabe hier abrufen.