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„Tierschutz braucht mündige Verbraucher, kompetente Politik und Handel mit Verantwortung.“

Interview mit Thomas Schröder (Deutscher Tierschutzbund) und Patrick Müller-Sarmiento (Real)

Wir sprachen mit Thomas Schröder (Deutscher Tierschutzbund) und Patrick Müller-Sarmiento (Real). Die Frage: Wie können Handel, NGO und Politik gemeinsam einen besseren Tierschutz gewährleisten?

METRO GROUP: Herr Schröder, darf man heute eigentlich ohne schlechtes Gewissen Fleisch essen?

Keine einfache Einstiegsfrage (lacht). Mir liegt es fern, den Zeigefinger zu erheben und Menschen vorzuschreiben, was auf ihren Teller gehört. Ganz sicher aber ist es so, dass das schlechte Gewissen dann mitspielen muss, wenn man gedankenlos Fleisch verzehrt, also ohne die Frage zu stellen, wie es dem Tier erging. Wer noch Fleisch isst, der sollte alles dafür tun, solches Fleisch zu nehmen, bei dem es den Tieren während der Aufzucht einigermaßen – besser: möglichst gut – ging. Und das heißt: Konventionelle Ware ohne jede Kennzeichnung gehört dann eigentlich nicht auf den Teller.

METRO GROUP: Herr Müller-Sarmiento: Worauf achten Sie, wenn Sie beim Metzger oder im Supermarkt Fleisch kaufen?

Natürlich kaufe ich viel bei Real ein, weil ich dort die Möglichkeit habe zu erfahren, woher die Tiere kommen und wie sie aufgewachsen sind. Was die Information angeht, muss ich Ihnen sagen: Als Verbraucher verwirrt selbst mich zuweilen die Vielfalt der Kommunikation und der Labels. Der Kunde weiß zum Beispiel oft nicht, was bedeutet „Bio“ eigentlich konkret – und geht es Tieren mit „Bio“ wirklich automatisch besser? Viel sinnvoller als neue Kennzeichnungen sind daher Maßnahmen, die zur Einhaltung der Kennzeichnung beitragen. Genau hier setzt die Initiative Tierwohl an.

METRO GROUP: Wer trägt die größte Verantwortung für die artgerechte Haltung von Tieren? Landwirte, Handel, Verbraucher oder Politik?

Thomas Schröder: Jeder in der Kette trägt seinen Teil der Verantwortung. Ich bin keiner, der nur den Verbraucher schützt und alle anderen kritisiert, sondern ich mag es überhaupt nicht, wenn ich erlebe, dass der zweite Flatscreen fürs Kinderzimmer und das dritte iPhone im Haushalt kein Problem sind – aber gleichzeitig nicht die Bereitschaft da ist, mehr als 49 Cent für 100 Gramm Putenschnitzel zu zahlen. Insofern gilt meine Schelte auch dem Verbraucher. Die Frage ist aber auch: Wer hat die transparentesten Möglichkeiten, Veränderungen mitzugestalten? Die Werbewelt, die Sortimentsgestaltung, die Greifhöhe von bestimmten Produkten, das alles lenkt ja der Handel. Und damit hat er eine große Verantwortung, weil er die letzte Brücke in der Kommunikation zum Kunden ist. Er hat die Möglichkeit, den Kunden zu erziehen, und auch bei seinen Lieferanten Veränderungen durchzuführen. Ich sage aber auch: So lange wir über Billigpreispolitik reden, fehlen uns offenbar die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die verhindern, dass es zu so etwas kommt. Insofern spiele ich auch den Ball zur Politik herüber, dass da offenbar in der Branche ein Regulationsbedarf besteht, der noch nicht genügend angegangen wurde.

Patrick Müller-Sarmiento: Wir alle versuchen unserer Verantwortung gerecht zu werden. Wir als Händler haben natürlich eine hohe Verantwortung, weil wir der Inverkehrbringer der Ware sind. Ich halte nichts davon, den Kunden zu bevormunden und ihm mit dem erhobenen Zeigefinger zu sagen, was er essen soll. Aber mit Aufklärung und Transparenz können wir viel erreichen und den Entscheidungsprozess, sich für qualitativ hochwertige Produkte zu entscheiden, positiv beeinflussen. Die Debatte über Tierwohl und Tierschutz wird mittlerweile auch deutlich breiter geführt als noch vor wenigen Jahren. Genauso wie vegane und vegetarische Ernährungsformen deutlich verbreiteter geworden sind, ist auch das Interesse der Verbraucher an der Herkunft der Fleischproduktegestiegen. Dabei geht es zum einen um Aspekte wie die regionale Erzeugung und zum anderen auch um die Rahmenbedingungen der Aufzucht und Schlachtung der Tiere. Das Engagement des Handels u. a. gemeinsam mit dem Bauernverband für die Schaffung der Initiative Tierwohl seit 2013 unterstreicht, dass Handel und Landwirte das Thema frühzeitig erkannt und vorangetrieben haben – auch schon deutlich vor der Tierwohl-Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Das Wichtigste ist aber: Am Ende entscheidet immer der Verbraucher, ob er bereit ist, für mehr Tierschutz auch mehr zu bezahlen und zu welchem Fleisch er daher greift. Unsere Aufgabe als Händler ist es, ihm ein entsprechendes Angebot zu machen.

Thomas Schröder: Einspruch! Ich gebe Ihnen da grundsätzlich zwar Recht. Trotzdem glaube ich, dass ein gewisses Maß an Bevormundung vertretbar ist. Und da möchte ich Real jetzt mal loben: Sie haben ja vor einigen Jahren bei der Frage der Käfigeier erfolgreich Ihre Kunden bevormundet. Da haben Sie klar entschieden, aus einer ethischen Verantwortung des Handels heraus nicht mehr weiter unterstützen zu wollen, wie damals mit Legehennen umgegangen wurde. Die Kennzeichnungspflicht für Eier haben Sie damals mit vorangetrieben.

Patrick Müller-Sarmiento: Vielen Dank für diese Anerkennung. Aber auch im Falle der Käfigeier gab es seinerzeit keine Bevormundung, sondern wir haben bereits in Zusammenarbeit mit Ihnen sehr früh am Eierregal Aufklärungsarbeit geleistet und unsere Kunden mit der Kampagne „Kein Ei mit 3“ aufgeklärt. Das hat dann dazu geführt, dass wir bereits mehr als sechs Monate vor dem eigentlichen gesetzlichen Verkaufsverbot die Käfigeier aus dem Sortiment nehmen konnten, da aufgrund unserer Kampagne zu diesem Zeitpunkt bereits der Absatz auf fast null heruntergegangen war.

METRO GROUP: Bundesminister Schmidt hat an die Tierwohl-Offensive des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft den Anspruch gestellt: „Den Tieren muss es am Ende dieser Legislaturperiode besser gehen als heute“. Wie optimistisch sind Sie, dass dieses Ziel im Jahr 2017 erreicht werden wird?

Thomas Schröder: Ich sehe das als Hoffnungsfrist und nicht als Galgenfrist. Doch bei aller verbindlichen Freiwilligkeit glaube ich, wir brauchen trotzdem höhere gesetzliche Standards und eine staatliche Kennzeichnung. Ich mag auch den Begriff „Tierwohl“ nicht. Ich bin nicht in einer Bundestierwohlkommission, sondern einer Bundestierschutzkommission. Mit dem Begriff Tierschutz ist verbunden, dass ich aktiv etwasunternehme. Der Begriff Tierwohl ist, so erlebe ich das, eine Verschleierung, eher unkonkret.

METRO GROUP: Bundesminister Schmidt setzt sich einerseits für mehr Tierwohl ein. Andererseits betont er, dass die Landwirtschaft wettbewerbsfähig sein müsse. Ist das nicht ein Widerspruch?

Thomas Schröder: Für mich nicht. Ich glaube, dass es ein Irrweg war, in den letzten Jahrzehnten mit Exportmärkten im Preis konkurrieren zu wollen. Wir müssen viel stärker auf die Qualitätsbegrifflichkeit einsteigen. Ich bin sehr für nationale Vorreiterrollen, auch im Hinblick auf TTIP. Es macht Sinn, Barrieren aufzubauen: Waren, die bestimmte Qualitätsstandards nicht erfüllen, sollen in dieses Land nicht reinkommen. Und ich glaube, dass das gute Chancen für Landwirte sind, sich hier einen Markt zu erobern. Wir beim Tierschutzbund möchten das Berufsbild des Landwirtes nicht zerstören. Aber das geschieht, wenn wir uns weiterhin auf Exportsteigerung und Preiswettbewerb im Weltmarkt ausrichten.

Patrick Müller-Sarmiento: Genau das ist der Grund dafür, dass der Handel in einen Fonds einzahlt, mit dem Landwirte, die Maßnahmen ergreifen, um ihre Produktion stärker am Tierwohl auszurichten, unterstützt werden. Wir hoffen, dass sich dies für den Handel ebenso wie für die Landwirte auszahlt und die  Verbraucher es gegenüber den teilnehmenden Handelsunternehmen honorieren, dass diese sich für Tierwohl engagieren und gerade dort ihr Fleisch einkaufen. Fakt ist aber auch, dass etwa ein Drittel unserer Kunden derzeit sehr preissensitiv sind. Wir versuchen auch diese, durch die Vielfalt unseres  Angebots und das Aufzeigen von Alternativen, z. B. mit der Initiative „Das Gute essen“, zu sensibilisieren. Sie können bei unseren Eigenmarken beispielsweise einen einfachen Lachs aus Aquakultur erwerben – aber auch höherwertigen, frisch filetierten Lachs mit klarer  Herkunftsbezeichnung. Wir setzen dabei auch auf langfristige Effekte, indem wir über preislich günstige Einstiegsangebote in Verbindung mit gezielter Themenkommunikation Kunden zu höherwertigen, nachhaltiger hergestellten Produkten führen möchten.

METRO GROUP: Real nimmt an der Initiative Tierwohl teil. Auf den ersten Blick kostet das Ihr Unternehmen nur viel Geld. Warum haben Sie sich trotzdem für eine Teilnahme entschieden?

Patrick Müller-Sarmiento: Sicherlich kostet ein Mehr an Tierschutz, z. B. durch verbesserte  Haltungsbedingungen, auch mehr Geld. Daher ist es aus unserer Sicht auch so wichtig, dass die Initiative Tierwohl auf einer breiten Basis steht, an der möglichst viele – idealerweise alle – Handelsunternehmen teilnehmen. Andernfalls ist die Gefahr der Wettbewerbsverzerrungsehr hoch. Die Teilnehmer an der Initiative werden sicherlich einen Teil der Kosten an die Kundenweitergeben müssen, was zu höheren Fleischpreisen führt. Während sich dadurch der Tierschutz in Deutschland insgesamt verbessert, würden davon jedoch auch einzelne Händler, die nicht an der Initiative teilnehmen, profitieren, ihren Kunden jedoch nach wie vor günstigeres Fleisch anbieten können. Eine solche Entwicklung wäre aus unserer Sicht fatal und benachteiligt die Teilnehmer an der Tierwohl-Initiative. Tierschutz, soziale Verantwortung und nachhaltiges Handeln sind jedoch für uns zentrale Anliegen von höchster Priorität. Daher steht es für uns außer Frage, dass wir als Einzelhandelsunternehmen mehr Transparenz bei der Herkunft von unseren Produkten schaffen und uns besonders im Bereich Tierschutz und Tierwohl stark engagieren. Wir begrüßen die Idee, die hinterder Tierwohl-Initiative steckt, mit der die Haltungsbedingungen von Nutztieren verbessert werden sollen. Aus diesem Grund haben wir von Beginn an diesen Prozess begleitet und aktivmitentwickelt. Wir engagieren uns in der Arbeitsgruppe, in der Kriterien und Maßnahmen für eine Verbesserung von Tierschutz und Tiergesundheit innerhalb des QS-Systems definiertwerden. Mit der Initiative kommen wir den Wünschen der Verbraucher nach einem Mehr an Tierschutz nach, indem  wir eine umfassende Verbesserung bei der Schweine- und Geflügelhaltung anstreben. Das alles wird uns allein in diesem Jahr einen hohen einstelligen Millionenbetrag kosten. Ich glaube jedoch, das ist gut angelegtes Geld, weil sich zum einen wirklich positiv etwas verändern wird, und weil ich sicher bin, dass unsere Kunden uns dies auch mittelfristig danken werden.

Thomas Schröder: Ich lobe die Branchenlösung für das Ziel, in der Breite Veränderungen herbeizuführen – und auch für den Weg, Landwirte finanziell für Verbesserungen zu entschädigen. Da bekennt sichdie Branche zum ersten Mal in dieser Größenordnung, das ist bemerkenswert. Ich kritisiere jedoch scharf die dahinter liegende Methodik. Da fehlt das wissenschaftliche Fundament: Im Moment gibt es einen Kriterienkatalog, aus dem der Landwirt sich seinen Bonus quasi im Baukastensystemzusammenstellen kann. Doch woher weiß ich, dass diese Maßnahmen wirklich dem Tierwohl – oder Tierschutz – dienen? Und aus Verbrauchersicht sehe ich die Lösung insofern als Bankrotterklärung, weil der Verbraucher wegen des Prinzips der Massenbilanzierung keinen Hinweis darauf hat, ob er nun konventionell oder „besser“ hergestelltes Fleisch erwirbt. Was ich Real zugute halte ist, dass Sie sowohl bei der Initiative Tierwohl mitwirken,als auch unser Tierschutzlabel führen – also nicht die Systeme gegeneinander in Konkurrenz setzen.

METRO GROUP: Warum halten Sie die Brancheninitiative trotz der Kritik für förderlich?

Patrick Müller-Sarmiento: Wie bereits erwähnt: Initiativen machen nur dann Sinn, wenn viele, möglichst alle mitmachen. Mit der Initiative Tierwohl haben wir hier zumindest einmal ein recht großes Commitment desHandels. Ich sehe das in der aktuellen Form auch nicht als eine komplett zu Ende gedachte  Branchenlösung. Aber es ist ein Startpunkt, von dem aus wir gemeinsam losgehen können. Das Thema muss ja in der Bevölkerung noch viel breiter verankert werden. Warum wird nicht in den Schulen mehrüber die Produktionsbedingungen, den Umgang mit Lebensmitteln und gesunde Ernährung gelehrt? Es findet aber bisher noch keine wirkliche gesellschaftliche Diskussion statt. Die große Initiative Tierwohl des Handels ist hier jedoch zumindest ein deutliches Statement in die richtige Richtung.

METRO GROUP: Wo sehen Sie den dringendsten Änderungs- oder Handlungsbedarf?

Thomas Schröder: Vor allem dort, wo wir klare, wissenschaftliche Erkenntnisse haben, z. B. bei den nicht kurativen Eingriffen wie dem Schnäbelstutzen. Außerdem laufen wir derzeit in ein Zweiklassensystem der Tierwelt hinein: Bei den Schweinen haben wir eingesehen, dass die unbetäubte Kastration weg muss. Aber bei den Rindern nehmen wir die Enthornung ohne Betäubung weiter hin. Und bei manchen Themen könnte uns derHandel wirklich helfen. Wenn dieser – wie beim Thema Legehennen – klar sagt: „Wir ertragen bestimmte Bedingungen nicht länger“, dann könnte man gemeinsam klare Zeichen setzen.

Patrick Müller-Sarmiento: Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir konkret im Gespräch bleiben. Ich würdees begrüßen, wenn wir auch in Zukunft im Sinne des Tierschutzes, aber auch des Verbraucherschutzes, z. B. beim Thema Barbarie-Ente oder auch beim Schnabelkürzen bei Geflügel, eng miteinander kooperieren.

Thomas Schröder: Das sollten wir in einigen Monaten tun, beispielsweise auch zum Thema Tierschutzlabel.Wenn Sie Ihre Absatzerfahrungen zur Verfügung stellen, könnten wir schauen, was sich gemeinsam daraus weiter entwickeln lässt!

METRO GROUP: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

METRO Tischzeit zum Thema "Tierwohl"

Das Thema "Tierwohl" war auch Gegenstand der METRO Tischzeit am 13. Mai 2015. Das Team des Berliner Konzernbüros hat dabei mit Mitarbeitern aus Abgeordnetenbüros, den Bundestagsfraktionen und dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft über das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes sowie die Initiative Tierwohl diskutiert.