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Bindungsängste?

Warum es um die Tarifbindung im Handel schlecht bestellt ist

Wie geht es weiter mit Kaiser’s Tengelmann? Dieses Thema hat im vergangenen Jahr Handel und Politik – und besondersdie Mitarbeiter – sehr bewegt. Es hat dazu geführt, dass die Öffentlichkeit genauer auf die Situation im Handel geblickt hat: Was leistet die Branche? Wie ist die Konzentration im Markt? Und wie steht es eigentlich um die Tarifbindung?

Das ist gut, denn im Handel muss sich etwas tun: „In den letzten Jahren wurde der Einzelhandel in Deutschland vermehrt durch Tarifverweigerung oder Tarifflucht der Arbeitgeber erschüttert.“ So sagt es die Gewerkschaft ver.di, die die Arbeitnehmerim Einzelhandel vertritt. In der Ministererlaubnis spricht das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie von einem „besonderen allgemeinen Interesse“ an einer Tarifbindung.

Der Einzelhandel ist mit seinen rund drei Millionen Beschäftigten eine der größten Branchen in Deutschland. Doch wer davon tarifgebunden ist, ist nicht ganz klar: Es gibt keine komplette Erfassung. Die Bundesregierung geht davon aus, dass weniger als ein Drittel der Betriebe ohne Tarifbindung sind. Untersuchungen des gewerkschaftsnahen Instituts WSI zeigen, dass die Arbeitsbedingungen bei tarifungebundenen Betrieben signifikant schlechtersind als dort, wo ein Tarifvertrag gilt.

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Aber auch bei denen, die offiziell tarifgebunden sind, gibt es Unterschiede: Einige wenden Tarifverträge nicht ordnungsgemäß an und umgehen diese. Auch diese Wettbewerber können Mitarbeiter zudeutlich günstigeren Konditionen einstellenund beschäftigen als Unternehmen,welche die Tarifverträge vollumfänglich anwenden.

Studien belegen, dass die Entlohnungsdifferenz zwischen tarifgebundenen und tarifungebundenen Unternehmen in aller Regel zwischen 20 und 30 Prozent betragen kann. Das ist ein Problem für einen fairen Wettbewerb – gerade weil die Margen im Handel klein sind und Personalkosten eine besonders relevante Größe sind. Unter diesem Druck hat das Unternehmen Real 2015 den Flächentarifvertrag verlassen, hat einen Zukunftstarifvertrag abgeschlossen und hat vereinbart, mit der Gewerkschaft ver.di an einer neuen Entgeltstruktur zu arbeiten.

Warum gibt es so eine geringe Tarifbindung?

Der ökonomische Anreiz zur Tariffluchtist hoch. Die Tarifgehälter sind der Produktivität bestimmter Arbeitsplätze enteilt. Ein weiterer Grund: Die Tarifverträgeim Handel sind veraltet. Sie bildendie heutige Realität nur schwer ab. Sie sind am Vertriebsformat Warenhaus entwickelt worden, das an Bedeutung abgenommen hat. Zudem haben sichviele Umstände geändert, die für die Bewertung der Tätigkeiten relevant sind. Jahrelang wurden aber wichtige Änderungenvermieden, während die Metall-und Elektroindustrie, der Öffentliche Dienst und andere Branchen moderne Tarifwerke etabliert haben.

Selbstkritisch muss man sagen: Der bisherige Weg war nicht nachhaltig. Durch die Begünstigung bestimmter Arbeitsorganisationsformen sind vielfach Service-Arbeitsplätze abgebaut worden. Das hat zwar den Kostenauftrieb durch die Tarifsteigerungen gebremst, birgt aber die Gefahr, dass sich der Kundenservice verschlechtert und die Belastung für die verbleibende Belegschaft steigt. Andere Händler verlassen stattdessen die Tarifbindung, bauen Stammbelegschaft ab (Drehtüreffekt) oder gliedern ganze Betriebeauf tariflose Unternehmen aus.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Brancheverhandeln seit vielen Jahren übereine neue Entgeltstruktur. Eine Lösung ist bisher nicht gefunden worden. Die METRO arbeitet mit ihren Tarifexperten daran mit. Die Hoffnung ist, dass schnellstmöglich eine grundlegende Reform des Tarifwerks gelingt und damit wieder mehr Handelsunternehmen in die Flächentarifvertragsbindung zurückkehren können.

Dieser Artikel erschien auch in der Ausgabe 01_2017 des METRO GROUP Handelsbriefs.

Quelle Titelbild: Flickr Creative Commons - Foto by SAV.