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„Risiko null gibt es nicht“

Ein Gespräch über Lebensmittelsicherheit in Deutschland

Anja Tittes und Prof. Dr. Ulrich Nöhle sprechen über die Lebensmittelsicherheit in Deutschland, die Mechanismen im Krisenfall und die richtige Informationspolitik.

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Anja Tittes ist seit 2014 Bundesvorsitzende des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure e.V. (BVLK).

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Prof. Dr. Ulrich Nöhle ist öffentlich bestellter Sachverständiger für Lebensmittelsicherheit und lehrt als Honorarprofessor für Qualitätsmanagement an der TU Braunschweig.

Beim Essen steht der Genuss im Mittelpunkt, aber wie steht es um die Lebensmittelsicherheit in Deutschland?

Tittes: Lebensmittel in Deutschland sind sicher. Dazu tragen die amtlichen Kontrollen bei, aber auch die Unternehmen kommen ihren Verpflichtungen überwiegend nach, beispielsweise in Sachen Eigenkontrolle.

Nöhle: Das kann ich nur unterstützen. Noch nie gab es so viele sichere Lebensmittel wie heute. Wir leben immer länger, es geht uns so gut wie nie zuvor...

...und doch kommt es immer wieder zu Lebensmittelskandalen – wie ist das möglich?

Nöhle: Weil es auf unserem Planeten leider kein Risiko null gibt. Manche Fälle unsicherer Lebensmittel sind zum Beispiel krankmachenden Mikroorganismen geschuldet. Nehmen wir den EHEC-Fall. Ausgangspunkt waren mit Bakterien verunreinigte Bockshornkleesamen aus Ägypten, mit denen Sprossen in den Niederlanden angebaut wurden. So hat sich der Keim über die Lieferkette verteilt. Daneben werden Lebensmittel auch vorsätzlich durch kriminelle Aktivitäten verunreinigt. Das zeigt der Fipronil-Skandal, wo ein Insektizid dem Stallbehandlungsmittel zugegeben wurde, obwohl es dafür nicht zugelassen war.

Tittes: EHEC war ein unvorhersehbares und vor allem sehr bedauerliches Ereignis, viele Menschen sind daran erkrankt. Tritt ein solcher Fall auf, dann müssen schnell Maßnahmen ergriffen werden. Sprossenzüchter benötigen nun beispielsweise eine Zulassung.

Das heißt, die staatlichen Reaktionsmechanismen funktionieren im Krisenfall? 

Tittes: Bei der Zusammenarbeit der Kontrollbehörden aus verschiedenen Bereichen sehe ich Verbesserungsbedarf. Ganz oben steht die Vernetzung von Datenbanken. Es bringt nichts, wenn sich die Behörden anschweigen müssen, weil es der Datenschutz verbietet, Informationen von einer Behörde zur nächsten weiterzugeben. Ein schneller Informationsaustausch ist essentiell für den Schutz der Verbraucher. Wir verharren allerdings noch in den Strukturen der 1990er Jahre...

Nöhle: ...wenn nicht der 1980er oder 1970er Jahre! Durch den globalen Lebensmittelhandel und durch den Onlinehandel kommen immer mehr Lebensmittel auf den Markt. Da braucht es zentrale Strukturen, um Lebensmittel effizient überwachen zu können. Der Föderalismus hat sich in der Lebensmittelwirtschaft komplett überholt.

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Können Sie das konkretisieren?

Nöhle: Beispiel Probenahme: Bisher ziehen Kontrolleure bei einem auffälligen Lebensmittel alle die gleichen Proben. Das ist ineffizient, erfordert viel Personal und Analysekapazitäten. Ein zentrales Probenahmesystem muss her. Das entlastet die Kontrolleure, die andernorts eingesetzt werden können – beispielsweise bei den sehr zeitaufwändigen Betriebskontrollen.

Tittes: Das wäre der Idealfall! Denn wir haben einen erheblichen Personalmangel: Nur etwas über 40 Prozent der risikoorientierten Kontrollen können durchgeführt werden. Das wird seit Jahren schweigend in Kauf genommen. Für uns ist klar: Wir brauchen mehr Personal in der Fläche.

Nöhle: Ergänzend dazu: Für die Lebensmittelsicherheit sind die Inverkehrbringer, also Produzenten und Händler, zuständig! Sie müssen sicherstellen, dass die Produkte einwandfrei sind. Die amtlichen Kontrollen sollen dies nur überwachen.

Stichwort Handel: Welche Rolle spielt die Branche bei der Lebensmittelsicherheit?

Nöhle: Auch der Handel unterliegt der Sorgfaltspflicht, nur ist der Fokus ein anderer: Der Handel produziert nicht, sondern verteilt. Er muss deshalb dafür sorgen, dass die Lebensmittel keiner nachträglichen Beeinflussung beim Verkauf oder Transport unterliegen.

Tittes: Auch müssen beispielsweise die Mindesthaltbarkeit oder die Kühlketten kontrolliert werden. Nach unseren Erfahrungen funktioniert das gut. Der Handel ist nicht das primäre Problem in der Lebensmittelkette.

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Anderes Thema: Bei Lebensmittelskandalen wird Behörden oft vorgeworfen, dass die Verbraucher zu langsam informiert würden. Ist diese Kritik gerechtfertigt?

Tittes: Ich bin eine große Verfechterin des Ansatzes, Verdachtsfälle wissenschaftlich zu bewerten, bevor die Verbraucher verunsichert werden. Erst nach der Analyse sollten Informationen herausgegeben werden – wohldosiert und zielgerichtet. Alles andere ist Panikmache.

Nöhle: Der Drang zur Skandalisierung liegt in der Natur der Medien. Geringste Abweichungen von Grenzwerten und selbst Messwerte unterhalb von Grenzwerten werden schnell zu einem Skandal hochstilisiert. Ich kann nur raten, in solchen Fällen die Stellungnahmen des Bundesinstituts für Risikobewertung, das mittlerweile sehr schnell reagiert, zu lesen und zu zitieren.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf bei der Lebensmittelsicherheit?

Nöhle: Bei der Hygiene in der Küche! Durch ständige Abwesenheit von zuhause haben wir weitestgehend das Kochen verlernt. Da wird zum Beispiel der Salat auf dem Brett zubereitet, auf dem zuvor das rohe Geflügel geschnitten wurde. Wir müssen mit Lebensmitteln wieder sachkundig umgehen lernen.

Tittes: Volle Zustimmung. Neben der besseren Zusammenarbeit der Behörden oder der Aufstockung der Lebensmittelkontrolleure müssen wir den Verbraucher bei dem richtigen Umgang mit Lebensmitteln unterstützen.

Bildnachweis Titelbild: Creative Commons picture by Frans Persoon