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"Der Handel ist zu wenig im Fokus der Politik"

Interview zur Dialogplattform Einzelhandel und lebendigen Innenstädten

Wir sprachen mit Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH Institut für Handelsforschung Köln und Lovro Mandac, Aufsichtsratsvorsitzender von GALERIA Kaufhof. Die Frage: Wie können Politik und Handel angesichts des digitalen Wandels und eines veränderten Einkaufsverhaltens attraktive Innenstädte schaffen?

METRO GROUP: Herr Hedde, Herr Mandac, gehen Sie eher in den Innenstädten einkaufen oder online?

Boris Hedde: Was das angeht, bin ich vermutlich ein sehr durchschnittlicher Kunde, denn ich habe da keine Präferenz und entscheide das situativ. Ich gehe gerne einmal in der Stadt einkaufen – gerade wenn es um Dinge geht, die man gerne anfasst wie beispielsweise Kleidung. Ebenso gerne kaufe ich aber auch online ein, zum Beispiel Bücher und Musik.

Lovro Mandac: Ich kaufe ganz bewusst in der Stadt ein. Nicht nur, dass mir das Spaß macht, ich sammle dabei immer auch Erfahrungen, die mir für meine Arbeit dienlich sein können. Ich gehe immer mit offenen Augen durch Innenstädte, damit ich ein Gefühl dafür bekomme, wer heute noch einkauft, wie und wo die Menschen parken oder ob sie den ÖPNV nutzen, wofür sie sich interessieren und dergleichen mehr.

METRO GROUP: Hat sich denn diesbezüglich in Ihrer Beobachtung in den letzten 10, 15 Jahren sichtbar etwas verändert?

Lovro Mandrac: Eines ganz deutlich: Vor 15 Jahren wurden Sie ja als Kunde samstags um 14.30 Uhr aus der Innenstadt rausgeworfen. Nachdem es dann über die Föderalismuskommission große Veränderungen beim Ladenschluss gab, haben sich die Menschen innerhalb von nur drei Wochen komplett verändert! Eine völlig neue, wunderbare Belebung der Städte! Wir haben das aber auch in unseren Dinea-Restaurants gemerkt: Plötzlich ging unser Frühstücksgeschäft nicht mehr so gut, denn die Menschen hatten ja jetzt den ganzen Tag lang Zeit – dafür blieben sie aber wesentlich länger in der Stadt.

Boris Hedde: Der Außerhausverzehr ist auch ein schöner Indikator, der hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Und das zeigt, dass sich das Leben vor die Haustür verlagert – eine große Chance für den Handel!

METRO GROUP: Im April hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) in Zusammenarbeit mit dem Handelsverband Deutschland (HDE) und der Gewerkschaft ver.di die Dialogplattform Einzelhandel gestartet, um über die Herausforderungen des Strukturwandels zu diskutieren und Lösungsansätze zu finden. Welche Hoffnungen verbinden Sie beide mit dieser Plattform?

Boris Hedde: Zunächst einmal freue ich mich sehr, dass das Thema Handel aus dem ministeriellen Umfeld angegangen wurde. Es war ja bis dato sowohl personell als auch von der Stellung her eher untergeordnet aufgehängt. Jetzt haben wir endlich ein Projekt, bei dem der Handel die Möglichkeit hat, Themen auf ein Tableau zu hieven und mit den Stakeholdern zu diskutieren. Das ist meines Erachtens ein großer Schritt, ein erster, aber ein wichtiger.

Lovro Mandac: Völlig richtig. Der Handel ist noch viel zu wenig im Fokus der Politik. Weder auf kommunaler Ebene, noch auf Landesebene, noch auf nationaler Ebene. Wir werden einfach nicht so wahrgenommen wie beispielsweise die Industrie. Und das ist schade, denn letztendlich verkauft der Handel, was die Industrie herstellt – und wenn wir es nicht verkaufen, dann braucht es wiederum auch keiner herzustellen. Das ist ein Umkehrschluss, dem sich die Politik bis heute nicht hinreichend gestellt hat.

METRO GROUP: Welche primären Impulse müssen Ihrer Ansicht nach aus dem Dialog hervorgehen?

Lovro Mandac: Ein Dialog bringt zunächst eine gewisse Reibung. Das ist gut so! Wir werden allen Beteiligten die Chance geben, ihre Meinungen und Interessen einzubringen und dann werden wir gemeinsam Lösungsansätze diskutieren. Wir alle wissen: Nichts bleibt, wie es ist. Der Handel ist dabei, sich sehr, sehr grundsätzlich zu verändern. Niemand kann im Augenblick genau sagen, wo es hingehen wird und wo der Handel in drei oder fünf Jahren steht. Umso dringender müssen wir uns zusammensetzen, miteinander reden, all die Ideen, die jeder von uns hat, einbringen, und dann etwas Neues daraus kreieren, denn eines glaube ich: Die Menschen werden weiter in die Stadt gehen. Stadt ist interessant! Gerade die jungen Leute möchten weiterhin ein soziales Erlebnis in der Stadt haben. Diese Gelegenheiten müssen wir schaffen.

Boris Hedde: Ich würde noch ergänzen, dass sich auch das tägliche Arbeitsbild geändert hat. Viele Berufe sind ja schon heute nicht mehr geknüpft an bestimmte Uhrzeiten. Es bieten sich dadurch Möglichkeiten, das Leben neu zu gestalten – und die Dialogplattform hat ja auch, wie Sigmar Gabriel es sagte, das Ziel zu diskutieren, wie wir zukünftig leben wollen. Unser Wunsch wäre schon, dass wir aus der Diskussion auch Handlungsempfehlungen ableiten. Wie konkret die sein können, wird sicherlich auch auf die Kompromiss- und Dialogbereitschaft der verschiedenen Stakeholder ankommen, aber grundsätzlich erhoffen wir uns vergleichsweise konkrete Schritte.

Lovro Mandac: Drei Dinge bleiben. Erreichbarkeit, Sicherheit, Sauberkeit – das sind die wesentlichen Kriterien, die die Menschen von ihren Innenstädten fordern. Vor allem die Erreichbarkeit ist ein wichtiges Kriterium. Wenn ich eine Stunde fahren muss, um einen Parkplatz zu finden, bin ich schlicht und einfach sauer. Alle diese Themen müssen auf den Tisch, für all das müssen wir gemeinsam Lösungen finden.

METRO GROUP: Was darf nicht das Ergebnis der Dialogplattform sein? Wann würden Sie sagen, die Dialogplattform ist gescheitert?

Lovro Mandac: Das ist eine nicht zulässige Frage, die Plattform scheitert nicht. Sonst würden wir beide hier nicht mitmachen (beide lachen).

METRO GROUP: Welches Ziel verfolgt die Workshop - Reihe „Perspektiven für eine lebendige Stadt“?

Boris Hedde: Die lebendige Stadt ist sicherlich für den mittelständischen Handel das zentrale Thema. Die Digitalisierung treibt den Strukturwandel massiv voran. Die Frage ist: Wie geht der bestehende Handel eigentlich damit um? Der ist ja in starkem Maße stationär verankert, somit ergibt das automatisch das Thema Innenstadt als zentrale Frage. Wir diskutieren die Frage, wie sich unsere Städte, unser Zusammenleben und unsere Art des Einkaufens entwickeln werden.

Lovro Mandac: Zu den Anfangszeiten des Onlineshoppings haben wir das Ziel ausgegeben, wir wollen das Sortiment im Netz verfügbar machen, das wir heute in den großen Filialen haben. Heute müssen wir darüber hinaus denken. Sie können ja heute problemlos Onlineshops mit fünf Millionen Produkten aufziehen, das können Sie in einer Filiale gar nicht abbilden. Wir müssen aber in diesem Zusammenhang auch darüber reden, ob es sein kann, dass große Onlineunternehmen vom Staat unterstützt werden und dadurch Vorteile erhalten, die der stationäre Handel nicht bekommt. Ich möchte nochmal betonen: Der Handel hat in den letzten 50 Jahren keine Hilfestellung bekommen von der Politik. Nehmen Sie die Wiedervereinigung – wenn Sie sehen, wie damals die Industrie bei der Errichtung neuer Standorte durch Subventionen unterstützt wurde. Beim Handel war das anders.

METRO GROUP: Wenn Sie einen Wunschzettel an die Politik zur Gestaltung der Innenstädte schreiben könnten, was würde darauf stehen?

Lovro Mandac: Mein Wunsch ist, dass der Dialog beginnt. Dass wir uns auseinandersetzen, dass wir streiten, dass wir Wege finden, die unterschiedlichen Meinungen auf den Tisch zu bringen – es gibt teilweise bittere Wahrheiten, die wir nicht wegdiskutieren dürfen. Der Verbraucher hat sich entschieden. Er hat zwei Füße und er läuft dahin, wo er will, oder er nutzt seine zehn Finger am Computer. Wir werden uns gemeinsam entscheiden müssen, mit welchen Bedingungen wir konkurrenzfähig sind. Wir können nicht mehr statisch davon ausgehen, dass der Kunde dann kommt, wenn der Handel es will – so wie es noch vor 50, 60 Jahren war. Der Kunde macht, was er will, er ist besser informiert als je zuvor – und das ist sein gutes Recht.

Boris Hedde: Das Internet schafft ja auch die größtmögliche Transparenz im Markt, eine Transparenz, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Diese Kombination macht die Sache ja so herausfordernd: Die Verbraucher haben in einem gesättigten Markt alles, was sie brauchen. Die Kunst ist, auch in einem so satten Markt noch Erfolge für den Handel zu schaffen. Wir müssen Trends identifizieren, aber auch neue Anreizeschaffen.

Lovro Mandac: Das muss bis ganz runter auf die kommunale Ebene. Wir haben ja sehr vitale Innenstädte, aber wir müssen mehr miteinander reden, denn es heißt: „Tu Gutes und sprich darüber“. Das vergessen viele Städte, auch mangels Finanzen. Auch angrenzende Kommunen müssen sich zusammensetzen und einen Gesamtplan entwickeln.

METRO GROUP: Wie kann man Innenstädte attraktiver machen? Ist an dieser Stelle eher der Handel oder die Politik gefragt?

Boris Hedde: Studien haben gezeigt, dass die Anziehungskraft von Innenstädten korreliert mit der Möglichkeit, ein größeres Erlebnisambiente zu bieten. Größere Städte haben da einen automatischen Vorteil, auch durch ihr Kulturangebot. Da gehen Sie erst Einkaufen und abends noch ins Theater.

Lovro Mandac: Es gibt kein Generalrezept. Jede Stadt muss – so wie jeder Händler – herausfinden, was ihr Alleinstellungsmerkmal ist. Welche Besonderheit kann ich bieten? Sehen Sie, vor 30 Jahren hätte ich als Textileinzelhändler auch schon für jeden Kunden eine Karteikarte machen können, mit seinen Maßen und seinen Einkäufen. Und ich hätte ihn dann zielsicher ansprechen können, „hier, ich habe jetzt noch die richtige Krawatte für dich“. Der Handel hat da auch manchmal einfach geschlafen.

Boris Hedde: Ich finde, man kann weder den Handel noch die Politik einzeln verantwortlich machen. Das Zusammenspiel ist entscheidend, Schuldzuweisungen bringen nichts. Wir brauchen eine Ergebnisorientierung. Bei Einkaufszentren funktioniert das ja auch schon ganz gut, da gibt es einen Manager, der aufpasst, dass die Passung der Sortimente gegeben ist. Die Frage wäre, ob es nicht auch in einem städtischen Umfeld Manager – oder besser Gremien – geben kann, die gemeinsam sicherstellen, dass die Attraktivität der Städte vorangetrieben wird. Wichtig dabei sind ausgewogene Sortimente sowie eine gute Verteilung von Freizeitmöglichkeiten und Geschäften. Handel, Kommune, Immobilien – das spielt alles zusammen und daher müssen wir uns an einen Tisch setzen.

Lovro Mandac: Das Einzige, was wir klar sagen können: Bitte keinen weiteren Rahmen undkeine weiteren Regulierungen! Es kann keine Schablone und kein Generalrezept geben, jede Kommune, jede Stadt muss ihren eigenen Weg finden.

METRO GROUP: Für wie wichtig betrachten Sie barrierefreien WLAN-Zugang in deutschen Innenstädten? Und wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den Gesetzesentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums zur Änderung des Telemediengesetzes?

Lovro Mandac: Barrierefreier WLAN-Zugang ist heute ein ganz wichtiges Thema im Handel. Bislang ist es für uns Händler aber mit großer Rechtsunsicherheit verbunden, WLAN in den Filialen anzubieten. Deshalb ist WLAN noch nicht so weit verbreitet, wie wir uns das wünschen. Das Bundeswirtschaftsministerium will das mit den vorgeschlagenen Änderungen beim Telemediengesetz jetzt ändern. Das ist ein guter Schritt. Die Details der Regelung überzeugen aber noch nicht. Aufwändige Registrierungs - und Verschlüsselungsprozesse bei der WLAN-Nutzung schrecken die Kunden eher ab – wir wollen ihnen die WLAN-Nutzung aber so leicht wie möglich machen. Wir setzen darauf, dass die Änderungen im Telemediengesetz bald beschlossen werden. Für uns steht fest, dass wir WLAN flächendeckend in unseren Filialen anbieten werden.

Boris Hedde: Absolut meine Meinung. Die nächste Frage ist dann nur noch: Wo sind die Steckdosen für die Smartphones? Aber ganz im Ernst, ich glaube, auch das kann ein Service sein, den der Handel bietet.

METRO GROUP: Ein Schlusswort?

Lovro Mandac: Freiheit treibt. Wir brauchen keine weiterenRegulierungen.
Boris Hedde: Nach der Politik kommt die Gestaltung. Setzen wir uns zusammen!

Das Interview zur Dialogplattform Einzelhandel und der Zukunft der Innenstädte wurde für den Handelsbrief am 11. Mai 2015 in Köln geführt.