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Wer handeln will, braucht Europa

Schwerpunkt, Ausgabe 02 / April 2014

Flagge Europäische Union

Die Europawahl steht vor der Tür. Wir beobachten sie mit Spannung und werfen vorab einen exemplarischen Blick auf drei EU-Länder. Dabei wird deutlich: Europa ist mehr als Brüssel.

Europa ist unser Zuhause. Hier haben wir unsere Wurzeln, hier wirtschaften wir. Deshalb haben wir ein klares Interesse: ein starkes, ein gesundes Europa.

Olaf Koch, Vorstandsvorsitzender METRO GROUP

So beschreibt der Vorstandsvorsitzende der METRO GROUP, Olaf Koch, die Position des Unternehmens. Und deshalb verfolgen wir die Entwicklungen in Europa genau.

Das Bild der EU hat in den Augen der europäischen Bürger in den vergangenen Jahren erheblich gelitten. Das Eurobarometer der EU-Kommission berichtet, dass nur noch 40 Prozent der EU-Bürger ein positives Bild von der EU haben. Euroskeptische Parteien wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD), die Syriza-Partei in Griechenland oder die „Bewegung der fünf Sterne“ von Beppe Grillo in Italien haben Zulauf. Aktuelle Prognosen rechnen mit bis zu sieben Mandaten für die Syriza-Partei und 39 für den rechtsextremen französischen „Front National“. Das sind Zahlen, die überzeugte Europäer so kurz vor den Wahlen nur beunruhigen können.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Europa ist ein Erfolg

Die derzeitige Stimmungslage in Europa verdeckt, dass die EU ein Erfolgsmodell ist. So stieg beispielsweise in der Zeit von 2002 bis 2012 im Raum der 28 EU-Mitgliedsstaaten das nominale BIP trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise von zehn auf 13 Billionen Euro. Und Europa ist eine Region der Stabilität: Dass 28 Nationen mit allen ihren regionalen Besonderheiten friedlich an einem Tisch sitzen und konsequent um ihr gemeinsames Ziel ringen, ist alles andere als selbstverständlich.

Für die METRO GROUP ist Europa unverzichtbar. Sie macht heute knapp 80 Prozent ihres Umsatzes in der EU und ist mit ihren Vertriebslinien in 19 Mitgliedsstaaten vertreten. Der europäische Binnenmarkt mit dem freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital ist ein klarer Gewinn. Er ermöglicht es, Konsumgüter europaweit günstiger zu erwerben und anzubieten. Der gemeinsame Markt sichert aufgrund seiner schieren Größe und damit einhergehend größeren Abnehmerzahl von Produkten bessere wirtschaftliche Planbarkeit.

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Standorte Europa METRO

Auch für die Mitarbeiter des Unternehmens ergeben sich durch die EU zahlreiche Möglichkeiten. Sie können innerhalb des Konzerns den Standort wechseln und anstatt in Deutschland auch in Portugal oder der Slowakei berufliche Erfahrungen sammeln sowie durch die erheblich erleichterte länderübergreifende Zusammenarbeit von den Erfahrungen ihrer Kollegen aus ganz Europa lernen. Die Kunden der METRO GROUP können schließlich aus einer scheinbar endlosen Palette an regionalen Produkten aus ganz Europa wählen und diese zum günstigen Preis erwerben. Oder wer würde es tatsächlich begrüßen, künftig wieder Zölle auf den Chianti aus der Toskana zahlen zu müssen?

Europa ist mehr als Brüssel

„Brüssel“ gilt oft als Synonym für Bürokratie und Regulierungswut. Und ja, eine Menge Themen stehen dort auf der Agenda. So arbeitet die METRO GROUP in Brüssel an so unterschiedlichen Bereichen wie dem richtigen Einsatz von Kühlmitteln, am Umgang mit Plastiktüten, am Schutz von Mitarbeiter- und Kundendaten oder am generellen Verhältnis zwischen Handel und Herstellern. Doch Europa ist mehr als Brüssel. Europa ist für Kunden und Mitarbeiter der METRO GROUP sehr konkret erlebbar – mit sehr unterschiedlichen Themen.

Welche Bedeutung hat Europa in den einzelnen Ländern? Wir haben uns mit Mitarbeitern der METRO GROUP in Kroatien, in Polen und in Frankreich unterhalten und gefragt, wie sie Europa wahrnehmen.

Polen feiert in diesem Jahr das zehnjährige Jubiläum als EU-Mitglied. Renata Juszkiewicz leitet aus Warschau heraus das Zentraleuropabüro der METRO GROUP und ist Vorsitzende des „Central Eastern European Commerce Council“. Für sie ist klar:

Der europäische Binnenmarkt bietet gute Perspektiven, vor allem für junge Menschen. Sie können Karriere machen, studieren, Sprachen lernen. Auch die polnische Regierung steht hinter der europäischen Idee –und setzt sich für Europa ein.

Renata Juszkiewicz, Leiterin Konzernbüro Zentraleuropa METRO GROUP

Etwas anders sieht es in Kroatien aus. Waren kurz nach dem EU-Betritt am 1. Juli vergangenen Jahres die Hoffnungen auf eine Revitalisierung der heimischen Industrie und auf EU-Investitionen noch groß, sind diese mittlerweile einer gewissen Ernüchterung gewichen, berichtet Marc Carena, Geschäftsführer von METRO Cash & Carry in Kroatien. Die Wirtschaftskrise könne nicht einfach durch einen EU-Beitritt bewältigt werden, eine langfristige wirtschaftliche Erholung sei nötig. Dennoch sei die EU für Kroatien ein „Glücksfall“, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zum Binnenmarkt und die Erleichterungen im Bereich Im- und Export.

Ausgerechnet in dem Gründungsmitgliedsstaat Frankreich scheint die EU-Verdrossenheit derzeit am größten zu sein. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) berichtet, im Jahr 2013 seien nur noch 22 Prozent der Franzosen der Ansicht gewesen, dass die Europäische Union ihrem Land wirtschaftlich nütze. Es scheint fast so, als würde ein Großteil der Vorzüge einer EU-Mitgliedschaft wie barrierefreies Reisen oder die Arbeitnehmerfreizügigkeit mittlerweile als Selbstverständlichkeit hingenommen – oder als würde der wirtschaftliche Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte schlichtweg nicht mit der EU in Verbindung gebracht.

Kein Verlust an Identität

Auch wenn in Kroatien auf die Euphorie etwas Ernüchterung gefolgt ist: Die Vorteile sind spürbar. Seit dem EU-Beitritt sind Handelsquoten gefallen, was sowohl für Unternehmer als auch für Konsumenten von Vorteil ist. „Ein positiver Effekt ist, dass wir viel weniger administrative Zwänge haben, was beispielsweise Zertifikate für die Einführung technischer Geräte angeht. Außerdem begrüßen wir die durch die EU eingeführten Qualitätskriterien“, unterstreicht Carena. Für METRO Cash & Carry in Kroatien blickt er aufgrund des großen Produktportfolios positiv in die Zukunft. Diese Vielfalt ist auch aus anderen Gründen wichtig. Denn durch den Binnenmarkt verschwinden heimische Produkte nicht aus den Regalen. Ein Beispiel ist Polen: Vor allem Produkte polnischer Hersteller erfreuen sich hier einer großen Beliebtheit. „Der Anteil an heimischen Produkten im Sortiment, insbesondere im sogenannten ‚Fresh’- und ‚Ultrafresh’-Bereich, liegt bei beeindruckenden 90 Prozent“, berichtet Renata Juszkiewicz. Die Begriffe Europa und Heimat stehen also nicht im Widerspruch zueinander.

Die Länder und ihre Wünsche

Die Wünsche an die Politik sind so unterschiedlich wie die einzelnen Länder: In Kroatien etwa gibt es Bedarf an größerer Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie an einer verstärkten Förderung des Tourismus, der ebenfalls zum Großteil von KMU getragen wird. Die KMU zahlen erheblich auf das Wirtschaftswachstum Kroatiens ein und stellen eine Großzahl der Arbeitsplätze. Aktuell ist ihr Zugang zu Finanzierungsmitteln aufgrund der Kreditkrise in Kroatien jedoch deutlich erschwert.

Für einige osteuropäische Länder fordert Renata Juszkiewicz ein schnelleres Vorgehen gegen protektionistische oder nationalistische Gesetze, die EU Recht widersprechen (siehe dazu auch Handelsbrief 3/2013). In Frankreich hält Cyril Capliez, Leiter Public Relations von METRO Cash & Carry Frankreich, es für erforderlich, das Problem der Nahrungsmittelverschwendung durch eine einheitliche Gesetzgebung anzugehen.

Doch einig sind sich alle – Regulierung auf europäischer Ebene ist weder per se gut oder schlecht. Einerseits: Im Zuge der Harmonisierung wurden viele Gesetze verändert und neu eingeführt– in relativ kurzer Zeit. Das hat z. B. in Kroatien beim Thema Steuerrecht zu einigem Aufwand geführt. Es kostete viel Arbeitszeit und auch Geld, alle Anforderungen schnell umzusetzen. Andererseits gibt es wesentliche Fortschritte gegenüber zersplitterten, nationalen Regelungen – beispielsweise im Bereich der Lebensmittelhygiene, in dem das Europäische Parlament wichtige und verbindliche Standards gesetzt hat.

This time it‘s different

Damit die Regulierung vernünftig abläuft, haben Unternehmen wie Verbraucher den gleichen Wunsch: Sie möchten gehört werden. Wenn man miteinander spricht, verstehen Unternehmer besser, was Legislative und Exekutive bewegt – und es bietet der Politik wiederum den Vorteil, von der Expertise des Handels zu profitieren. Benoit Feytit, Geschäftsführer von METRO Cash & Carry in Frankreich: „Wichtig wäre, dass die Politik noch besser zuhört. Wir bekommen direkt mit, was die Kunden wünschen und was nicht. Denn unsere Kunden wählen jeden Tag und nicht alle fünf Jahre.“

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Neuerungen Europawahl

Neben den Unternehmen sollen auch die Bürger mehr Gehör finden. Um die Wahlbeteiligung bei der kommenden Europawahl wieder zu erhöhen, werden die europäischen Parteienfamilien im Mai erstmals mit länderübergreifenden Spitzenkandidaten an den Start gehen. Unter Berücksichtigung des Wahlergebnisses wird der Europäische Rat dem Parlament dann einen Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten vorschlagen.

EU-Bürger haben so erstmals die Möglichkeit, über ihre Stimme mit zubeeinflussen, wer die neue Kommissionspräsidentin oder der neue Kommissionspräsident werden wird. Die Kandidaten werden sich im Vorfeld an öffentlichen Debatten beteiligen und nicht nur ihre Ziele als Kommissionspräsident, sondern auch die ihrer politischen Gruppe im Europaparlament formulieren.

Der Slogan zur EU-Wahl „This time it’s different“ ist also kein leeres Versprechen.

Bildnachweis:
Titelbild: METRO GROUP

Stefanie Awe

Informationen zum Autor

Stefanie Awe ist als Leiterin Verbraucherpolitik im Berliner Konzernbüro der METRO tätig.