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"Der Anspruch an Transparenz ist stark gestiegen"

Im Gespräch mit dem "Hamburger Wahlbeobachter" Martin Fuchs

Wir haben uns mit Martin Fuchs über die Bedeutung von Social Media für Politik und Interessenvertretung unterhalten. Im Interview erklärt der "Hamburger Wahlbeobachter", warum Unternehmen ihre Interessen gegenüber der Politik transparent gestalten sollten, Twitter für den direkten Kontakt zu politischen Entscheidungsträger geeignet ist und worauf es bei digitaler Public Affairs wirklich ankommt.

METRO GROUP: Fast alle Mitglieder des Deutschen Bundestages nutzen Social Media. Verändern sich dadurch die politischen Prozesse?

Martin Fuchs: Richtig: Über 95 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind mit mindestens einem Profil in sozialen Netzwerken präsent. Ob sich dadurch politische Prozesse ändern, weiß ich nicht. Was sich aber definitiv geändert hat, ist die Art der Meinungsbildung der Abgeordneten. Studien zeigen, dass bereits viele Abgeordnete aktiv in den Netzwerken Meinungen und Positionen abfragen, via #followerpower Argumente sammeln und auch selber öffentliche Meinungsbildung betreiben. Ein schönes Beispiel: die Facebook-Frage von Dr. Peter Tauber (CDU) zur #EhefuerAlle, auf die er über 11.000 Kommentare erhalten hat.

METRO GROUP: Die Nutzung von Social Media im Bereich der Interessenvertretung ist relativ neu und führt zu mehr Transparenz. Wird Social Media auch langfristig für die Interessenvertretung als Instrument interessant bleiben - auch  wenn man als „Digital Lobbyist“ nur noch einer von vielen ist?

Martin Fuchs: Interessenvertretung war auch in der Vergangenheit schon immer eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. Jeder Bürger, der mit Problemen an einen Politiker herangetreten ist, hat seine Interessen aktiv vertreten. Mit Social Media wird dieser Prozess nun transparenter - auch was die Interessen von Unternehmen, Verbänden, NGOs und anderen gesellschaftlichen Gruppen anbelangt. Der Anspruch an Transparenz in der Politik ist in den vergangen Jahren stark gestiegen, um so entscheidender ist es also auch, dass Unternehmen diesen Prozess transparent gestalten, um das Vertrauen in ihre Anliegen in der Politik zu erhöhen und um gegebenenfalls auch andere gesellschaftliche Gruppen stärker für Ihre Interessen zu gewinnen. Dies erreicht man nicht, wenn man diese nur im Hinterzimmer vertritt. Von daher bin ich fest davon überzeugt, das Social Media in Zukunft auch Bestandteil der unternehmerischen Interessenvertretung wird.

METRO GROUP: Wird die Transparenz der Interessenvertretung von den politischen Akteuren überhaupt geschätzt? Wird es irgendwann nur noch diese transparente Form der Interessenvertretung geben?

Martin Fuchs: Genauso wie von Politikern immer mehr Transparenz eingefordert wird - wie bei Nebenverdiensten und Nebentätigkeiten - so erwarten viele Politiker ebenfalls Transparenz seitens der Unternehmen. Die Politiker mit denen ich darüber gesprochen habe, schätzen dies sehr. Nichtsdestotrotz braucht die Politik weiterhin Orte und Formate, die nicht 100 Prozent transparent sind. Formate die es ermöglichen, Gedanken im kleinen Kreis zu diskutieren oder Argumente in Ruhe und ohne öffentliche Beteiligung auszutauschen. Es ist wichtig auch mal Fehler machen zu können, sich zu streiten und Ideen zurückzuziehen, die nach der Diskussion nicht mehr als sinnvoll erscheinen. Dies haben nicht zuletzt die Transparenzversuche der Piratenpartei gezeigt, denn Fraktionssitzungen sind so ein Ort interner Diskussionen, die nicht öffentlich gestreamt werden sollten.

METRO GROUP: Wir haben uns vor fünf Jahren mit unserem Account „@DasGuteessen“ bewusst für Twitter als Kanal entschieden. Eignen sich alle Social Media Kanäle gleichermaßen für die politische Kommunikation?

Martin Fuchs: Das kommt immer auf das Ziel, die Zielgruppen und die Strategie an. Twitter ist in Deutschland ein sehr politisches Netzwerk. Über 50 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind hier aktiv und 12 von 14 Ministerien nutzen den Microbloggingdienst. Wenn man direkten Kontakt zu politischen Entscheidern haben möchte, aktuelle Diskussionen verfolgen will und mit Multiplikatoren auch online diskutieren möchte, eignet es sich sehr gut. Wenn man breite Massen der Bevölkerung mit seinen Themen erreichen möchte, ist eher Facebook geeignet, wenn man ältere Leute erreichen will, seniorbook und so weiter. Am Ende empfehle ich immer eine Kombination aus verschiedenen Kanälen - sowohl online, wie auch offline.

METRO GROUP: Unterscheiden sich Ministerien in der Art ihrer Social Media Kommunikation gegenüber anderen politischen Akteuren?

Martin Fuchs: Ganz klar. Organisationsaccounts unterliegen in der Nutzung einer anderen Logik als Personenaccounts. Jede Nachricht, jede Antwort muss für das Haus sprechen und nicht unbedingt für den Absender - beispielsweise den Referenten des Ministeriums. Von daher erfordert Regierungskommunikation eine andere Planung, andere Freigabeprozesse und auch andere Agenda-Setting-Logiken, als ein Abgeordnetenaccount. Zudem hat ein Ministerium den Anspruch für jeden Bürger zu kommunizieren, diesen Anspruch haben Partei-, Fraktions- und Politikeraccounts nicht unbedingt.

METRO GROUP: Gerade bei Kampagnen hängt der Erfolg stark von einer aktiven Community ab. Alle größeren Parteien versuchen gerade eine digitale Infrastruktur aufzubauen.  Dabei ist hohe Reichweite - innerhalb der relevanten Zielgruppe - ein guter Indikator für eine erfolgreiche Arbeit. Was sind die Indikatoren erfolgreicher Digital Public Affairs?

Martin Fuchs: Die Größe der Community ist es eher nicht. Bei Digital Public Affairs ist vielmehr die Qualität der Fans und Follower entscheidend. Erreiche ich alle 20-30 relevanten politischen Player in meinem Themenfeld? Als wichtigsten Indikator für Erfolg würde ich Vertrauen nennen. Wie viel Vertrauen haben die politischen Stakeholder in mein Unternehmen und wie ernst nehmen sie meine digitale Kommunikation? Vertrauen und Reputation bilden sich allerdings nur langfristig.

METRO GROUP: Nach Facebook hat nun auch Twitter weitere „Paid Content“ Modelle entwickelt. Es ist zu erwarten, dass auch bei Twitter „Paid Content“ stark ausgebaut wird und organische Reichweite dadurch relativiert wird.  Wie stark wird „Paid Content“ im Bereich der Interessenvertretung genutzt oder sollte „Paid Content“ ein Tabuthema für die Interessenvertretung sein?

Martin Fuchs: Das Geschäftsmodell (fast) aller sozialen Netzwerke beruht darauf die gesammelten Nutzerdaten in Erlöse umzuwandeln. Werbung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Und genauso wie eine Interessenvertretung Anzeigen in Parteizeitungen schaltet, sich bei Kampagnen von Ministerien finanziell beteiligt oder auf Parteitagen mit Ständen vertreten ist, genauso legitim und normal ist auch Werbung in den Netzwerken. Aber auch hier gilt: Der Absender muss transparent sein und im Idealfall sollten die Werbeausgaben am Ende des Jahres transparent auf dem Unternehmensblog präsentiert werden, damit die Öffentlichkeit sehen kann, wie wichtig dem Unternehmen dieses Thema im abgelaufenen Jahr war. Ich stelle mir das in etwa so vor, wie die transparente Darstellung der Spenden an Selbsthilfeorganisationen durch die Pharmabranche. 

METRO GROUP: Welche Chancen bieten „Social Stream Apps“ wie Periscope oder Meerkat für die politische Kommunikation?

Martin Fuchs: Bisher sind die Apps ja eher ein Hypethema in der Medienbranche. Für die breite Masse ist Livestreaming noch kein Thema. Die größten Potentiale sehe ich in der Liveberichterstattung. Ehrlich gesagt fehlt mir aktuell die Fantasie, wie diese Apps optimal für Digital Public Affairs eingesetzt werden können? Aber vielleicht werden wir bald erleben, wie der erste Verband aus der Anhörung im Bundestag periscopt oder ein Unternehmen ein Politikergespräch öffentlich überträgt. Ob sich das dann viele anschauen werden, wage ich aber aktuell zu bezweifeln.

Zu Martin Fuchs

Martin Fuchs ist selbstständiger Politik- und Digitalberater und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Wahlkampf, strategischer Politikberatung und den Hintergründen des Politikgeschäftes. Auf seinem Blog "Hamburger Wahlbeobachter" findet man Beobachtungen, Hintergründe und Analysen aus Politik und Internet sowie Gastbeiträge anderer Experten. Hier geht´s zum "Hamburger Wahlbeobachter".