8. September 2016

Alles in Echzeit?

Von letzten Meilen und ersten Schritten – Handelslogistik 4.0

Die Digitalisierung stellt auch die weltweite Logistik vor neue Herausforderungen. Eine ganze Branche muss neue Antworten finden. Doch insbesondere die Handelslogistik wird mit ihren Aufgaben wachsen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Die Zukunftsvision ist klar: Wir werden bestellte Waren nahezu in Echtzeit nach Hause geliefert bekommen; Drohnen und Mini-Copter erledigen die Transporte ebenso wie E-Vehikel, die bei Tag und bei Nacht fast lautlos durch die Städte rollen. Nachschub für die riesigen, vollautomatisierten Logistik-Center bringen selbstfahrende Truck-Kolonnen. Diese Gigaliner sind genau getaktete Datencenter auf vier Rädern und machen die berüchtigten „Elefantenrennen“ auf der Autobahn überflüssig. Zu Hause erledigen denkende Vorratsschränke die Arbeit. Das Internet der Dinge vernetzt alles mit allem. Gezielte Datenströme helfen Händlern dabei, noch kundenorientierter zu sein und heute schon zu wissen, was morgen bestellt wird. Doch ist das alles überhaupt noch Zukunftsmusik?

Alles in Echzeit?

Schon heute sorgen Digitalisierung, Globalisierung und demografischer Wandel für einen nie gekannten Um- und Aufbruch in Handel und Logistik. Insbesondere die zunehmende Vernetzung und der weiter wachsende E-Commerce bieten auf vielen Kanälen enorme Potenziale und stellen Unternehmen zugleich vor große Herausforderungen. Doch egal, wie der Vertrieb von morgen aussieht – ob Multi-, Cross- oder Omni-Channel – der Schlüssel zum Erfolg liegt schon heute darin, alle Prozesse on- und offline so effizient wie möglich zu gestalten. Zugleich kommt es darauf an, die Bedürfnisse des Kunden immer im Blick zu behalten.

Klaus-Guido Jungwirth, Chief Operating Officer bei Media-Saturn Deutschland, erkennt bei den Kunden vor allem den Wunsch nach schnellen Lieferungen und maximaler Termintreue. Um mit den Waren aus den insgesamt über 400 Märkten in Deutschland und dem Onlineshop gut aufgestellt zu sein, will Media-Saturn in Zukunft seine logistischen Strukturen noch weiter optimieren. Die Maxime dabei: mit der Ware möglichst nah am Kunden zu sein. Ein logistischer Vorteil gegenüber reinen Online-Händlern sind dabei die Märkte selbst. Sie dienen auch als kleine regionale Lager. Andere Varianten, mit denen Media- Saturn näher an den Kunden rücken will, sind Hub-Systeme mit einer zentralen Bündelung von Warenlieferungen oder das sogenannte Dropshipment, die Direktlieferung über Dritte. Für den Erfolg dieser Lösung braucht es neben strukturellen Veränderungen vor allem auch eine flexible IT-Lösung, die in der Lage ist, Standort und Verfügbarkeit der Waren in Echtzeit abzubilden. In Zukunft wird man bei der Elektrohandelskette daher auch weiter konsequent in die IT investieren.

Logistik

In fünf Jahren wollen wir alles so weit optimiert haben, dass wir unsere Kunden jederzeit pünktlich bedienen können – zu einem von ihnen frei gewählten Zeitpunkt.

Klaus-Guido Jungwirth, Chief Operating Officer, Media-Saturn Deutschland

Auf die Optimierung der Logistikstrukturen setzen auch die METRO-Vertriebslinien Real und METRO Cash & Carry, die vor allem Lebensmittel anbieten. Ziel dabei ist es, dem Bedürfnis der Kunden nach schneller Warenverfügbarkeit und größtmöglicher Qualität und Frische der Produkte noch besser nachzukommen. Mit der Optimierung des Lieferketten-Managements richtet sich die Logistik auch stärker auf neue strategische Geschäftsfelder von METRO Cash & Carry und Real aus: das Belieferungsgeschäft in der Gastronomie (Food Service Distribution – FSD), kleinere Shop-Formate in Innenstadtlagen oder das Online-Geschäft.

Im Zuge der Neuorganisation der Logistik werden zwei neue, modernere und größere Logistikcenter an den Standorten Kirchheim und Marl errichtet. Ergänzt werden diese Logistikcenter durch verschiedene andere Lager der METRO LOGISTICS sowie regionale FSD-Depots, aus denen zukünftig verstärkt die Belieferung der Gastronomiekunden von METRO Cash & Carry erfolgen wird.

„Im Rahmen der Standortauswahl für die neuen Logistikcenter spielten vor allem Kriterien wie Grundstücksgröße, Erschließungskosten, Grundbeschaffenheit, Eigentümerstruktur und Verkehrsanbindung eine wesentliche Rolle“, erläutert Jeroen Janssen Lok, Group Director Strategy Logistics Germany der METRO AG. „Im Zuge der Neuorganisation werden schrittweise auch alte Standorte geschlossen, die den Anforderungen an eine moderne Logistikstruktur aufgrund ihrer Lage oder ihrer veralteten baulichen Infrastrukturen nicht mehr gerecht werden. Mit den neuen Logistikcentern schaffen wir den Anschluss an einen modernen Logistik-Standard und bieten zeitgemäße Arbeitsplätze für unsere Mitarbeiter“, verdeutlicht Janssen Lok.

 

Paletten

Vom Kommissionierer zum Schnittstellenmanager So, wie die Digitalisierung Veränderungen in den Logistikstrukturen von Handelsunternehmen hervorruft, wird sie zukünftig auch die Abläufe im Arbeitsalltag der Logistiker prägen. Längst unterstützen Smartphones und Tablets zahlreiche Prozesse in den Logistikzentren. Am Einsatz vieler anderer digitaler Hilfsmittel und Technologien wird in der Handelsund Logistiklandschaft geforscht und getestet. So nutzen die Mitarbeiter mancher großer Logistikunternehmen heute schon Datenbrillen, auf deren Innenseite alle nötigen Informationen eingeblendet werden, sodass sie beide Hände zum Beoder Entladen frei haben.

Auch die Vernetzung schreitet in den smarten Lagern voran: Beacons und spezialisierte Apps helfen bei der digitalen Erfassung von Paletten. Andere Programme verbessern die Lagerüberwachung oder ermitteln genau die richtigen Transport- und Ladefahrzeuge für die zu transportierende Warenmenge. Cloud Computing und das Internet der Dinge, das bei der Lagerhaltung die Kommunikation von Regalen und Warenbeständen in naher Zukunft ermöglichen könnte, werden die Automatisierung weiter vorantreiben. „Dabei wird die Arbeit des klassischen Kommissionierers oder Lagerarbeiters zunehmend komplexer. IT-Kenntnisse und ganzheitliches Prozess Know-How werden zu den notwendigen Grundkenntnissen gehören; das Bedienen zahlreicher Schnittstellen sowohl zu anderen Funktionsbereichen als auch zu den neuen smarten Maschinen und Devices werden in Zukunft die Arbeit prägen“, bestätigt Dr. Christian Schwede vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML).

Mit der fortschreitenden Digitalisierung rücken die Berufsbilder von Mitarbeitern in den Märkten und in Logistikzentren immer weiter zusammen: Mitarbeiter in Einzelhandelsgeschäften sind schon heute zu mehr als 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Aufgaben rund um die Filiallogistik betraut. Gleichzeitig übernehmen Mitarbeiter in Logistikzentren immer mehr planerische, administrative und beratende Tätigkeiten. Eine klare Grenzziehung zwischen den Tätigkeiten, wie sie heute noch durch eigene Tarifverträge für Einzelhandel und Logistik stattfindet, ist immer weniger zeitgemäß. Handel, Gewerkschaften und Politik sind daher gefordert, über moderne Tarifmodelle nachzudenken, die den gewandelten Anforderungsprofilen und Berufsbildern der Mitarbeiter gerecht werden.

 

Hub-Lösungen für die Innenstädte

Neben dem klassischen Angebot von Waren verstehen immer mehr Handelsunternehmen auch Transporte und deren effiziente Organisation als weitere Kernkompetenz. Dazu bauen sie vor allem auf der sogenannten „letzten Meile“ – dem letzten Transportabschnitt auf dem Weg zum Endverbraucher – logistische Strukturen auf. Home Delivery und Lieferservice boomen, die Nachfrage wächst, wie die steigende Zahl von Einkaufsbringdiensten in den Großstädten belegt. Doch ob Supermarkt, Pizza-Kette oder Blumen- Service – sie alle sehen sich der vielleicht größten Herausforderung gegenüber, die das neue, individualisierte Verbraucherverhalten mit sich bringt: verstopfte Straßen, zu wenige Parkplätze, zu viel Abgase und zudem gesetzliche Beschränkungen, vor allem beim Innenstadtverkehr.

Mit dem „Aktionsplan Güterverkehr und Logistik“ hat das Bundesverkehrsministerium ein strategisches Konzept mit konkreten Maßnahmen auch für die Innenstädte vorgelegt, um nachhaltige und effiziente Strukturen für die Logistik der Zukunft zu schaffen. Insbesondere die „Initiative für Logistik im städtischen Raum“ will im Rahmen des Aktionsplans die Verteilung von Gütern in Städten und Ballungsräumen auf der letzten Meile flüssiger und umweltfreundlicher gestalten. Dazu gibt es unter anderem in mittlerweile 35 Städten sogenannte Güterverkehrszentren (GVZ), beispielsweise den Berliner Westhafen oder den Kölner Bahnhof Eifeltor. Das Besondere an diesen logistischen Schnittstellen: Durch mindestens zwei Verkehrsträger, oft Straße und Schiene, lassen sich Waren in unmittelbarer Nähe von Städten und Ballungsräumen bündeln.

In eine ähnliche Richtung geht auch die Idee der sogenannten „Urban Hubs“, die im Effizienzcluster Logistik Ruhr entwickelt wurde, an dem die METRO AG neben anderen Akteuren aus Handel und Logistik beteiligt ist. Unternehmens- und sortimentsübergreifend werden Warenströme in den Hubs gebündelt und verschiedene Anlieferpunkte in der Stadt gemeinsam beliefert. Die Auslastung der einzelnen LKWs wird so erhöht und dadurch die Tourenzahl auf der letzten Meile reduziert. Nach diesem Prinzip gestaltet die METRO LOGISTICS, das logistische Service- und Kompetenzcenter der METRO AG, bereits seit Jahren die Beschaffungslogistik für die verschiedenen Vertriebslinien und erhöht so die Effizienz der Lieferprozesse.

Lieferroboter

Für die Politik steht aber nicht allein die Schaffung der optimalen Organisation der Verkehrsflüsse auf der letzten Meile im Fokus. Es geht insgesamt darum, wie sich Metropolen und vor allem ihre Innenstädte unter dem Einfluss der weiteren Verbreitung des Online-Handels verändern. In Paris hat Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo bereits versucht, lokale Einzelhandelsstrukturen zu schützen. Ihre Idee: Innerstädtische Lieferservices von international tätigen Onlinehändlern beschränken. In Deutschland setzt sich die vom Bundeswirtschaftsministerium ins Leben gerufene Dialogplattform Einzelhandel aktuell intensiv mit Fragen nach einem Strukturwandel in den Innenstädten auseinander. Schwerpunkt einer von Bundesumweltministerium und dem Handelsverband Deutschland beauftragten Studie mit dem Titel „Smart Cities“ ist zudem die Untersuchung der möglichen räumlichen Auswirkungen des Online-Handels auf Innenstädte, Stadtteil- und Ortszentren.

Die Ergebnisse dieser Studien und Dialogforen werden Anhaltspunkte dafür bieten, in welche Richtung sich die Stadt der Zukunft entwickeln kann und sollte – zahlreiche Ideen, wie die der Urban Hubs oder alternativer autonomer Liefervehikel, liegen bereits heute auf dem Tisch. Die Antwort auf die Frage, wer wie stark Treiber der Veränderung sein wird, steht dabei noch aus. Vor allem die Politik muss sich hier entscheiden, ob sie mit Mut und Innovationsgeist die zukünftigen Strukturen unserer Städte prägen oder die Entwicklung anderen Akteuren überlassen will. Ganz ohne regulatorische Weichenstellungen wird es auf dem Weg zu den Innenstädten der Zukunft aber in beiden Fällen nicht gehen.

In Verbindung stehende Artikel