4. März 2020

Staat & Unternehmen: „Es gibt viele Klischees, die uns darin behindern, einander zu verstehen.“

Im Einsatz für Kunden - im Einsatz für Wähler: Unternehmer & Politiker

Zwischen Pragmatikern und Prozesshütern: SKOLKOVO Business School-Präsident Andrei Scharonov spricht mit METRO darüber, wie Seitenwechsel zwischen Administration und Wirtschaft seine Perspektiven bereichern – und ihm heute dabei helfen, den Dialog zwischen beiden Welten zu stärken

Andrei Sharonov Vortrag

Andrei Scharonov ist Präsident der renommierten SKOLKOVO Business School in Moskau. Er ist einer der bekanntesten Ökonomen Russlands – und mit Orden und Auszeichnungen des Landes reich bestückt. Geboren in Ufa, der Hauptstadt der Republik Baschkortostan weit im Osten des Landes, zog es ihn früh ins politische Moskau. Zunächst als Volksvertreter, später in Positionen in Ministerium für Wirtschaft und Handel. Nach einem Ausflug in die Investmentwelt war er als stellvertretender Bürgermeister in der Moskauer Regierung für Wirtschaftspolitik verantwortlich. 2013 wurde er Dekan der Skolkovo Business School. Managerkarrieren prägen seitdem sein Schaffen.

Ihr Berufsweg ist geprägt von der Arbeit im öffentlichen Dienst, in der Wirtschaft und nun auch im Bereich der Managementausbildung. Sind Ihrer Meinung nach Menschen, die mit Kopf und Hand in der Wirtschaft gearbeitet haben, gut für den öffentlichen Dienst geeignet?

Sie sind geeignet. Ganz allgemein gibt es unterschiedliche Traditionen: In europäischen Ländern und hierzu können wir auch Russland zählen ist es nicht üblich, vom öffentlichen Dienst in die Wirtschaft und zurück zu wechseln. Das gilt insbesondere für Deutschland. Aber in der amerikanischen Tradition gehen Unternehmer oft in den öffentlichen Dienst und kehren dann nach einer Weile vielleicht wieder ins Geschäft zurück.

Mir ist das amerikanische Modell lieber und ich bin froh, dass es mir gelungen ist, es selbst umzusetzen. Ein solches Modell erlaubt, die Situation aus verschiedenen Perspektiven zu verstehen. Man kann die Qualität seiner Arbeit im öffentlichen Dienst aus Verbrauchersicht beurteilen – wenn man in die Wirtschaft geht, kann man sagen: Ja, wir haben etwas Nützliches geschaffen und es funktioniert. Oder: nein, es funktioniert nicht; wir dachten, es sei sinnvoll, aber wir haben uns geirrt. Oder: Es ist nützlich, aber wir haben es nicht zu Ende gedacht und die Wirtschaft versteht den ganzen Charme eines bestimmten Rechtsakts nicht, auf den wir so stolz waren.

Ein weiterer Vorteil vom Seitenwechsel ist die Unterschiedlichkeit der Erfahrungen. Menschen werden schnell einseitig, wenn sie lange Zeit in einem Bereich arbeiten. Beamte haben viele Vorurteile gegenüber Geschäftsleuten: Alle sind zumindest Kleinganoven, wenn nicht gar Kriminelle. Die Geschäftsleute dagegen denken, dass alle Beamten entweder Bestechungsgeldern nicht abgeneigt oder Idioten sind. Beide Meinungen sind weit davon entfernt, der Wahrheit zu entsprechen. Und in diesem Sinne verändert die eigene Arbeitserfahrung in diesem Umfeld sowie eine große Anzahl von Kontakten mit Menschen beider Seiten das Bild. Man beginnt zu verstehen, dass die meisten Menschen anständig, aufrichtig und kompetent sind. Aber es gibt viele Klischees, die uns darin behindern, einander zu verstehen. Das macht das Leben für beide Seiten schwierig.

Andrei Sharonov Profil

© SKOLKOVO Business School

Sie sind nicht nur mit der täglichen Routine des Regierungsapparates vertraut, sondern verstehen auch die Besonderheiten der Geschäftswelt. Hilft Ihnen das bei Ihrer derzeitigen Tätigkeit in der Führungskräfteausbildung?

Ja. Besonders wenn man in der Erwachsenenbildung arbeitet und mit Regierungsbeamten und mit Geschäftsleuten oder Unternehmensleitern kommuniziert – die Fähigkeit, jeden zu verstehen, ist eine Schlüsselkompetenz.

Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Zielen in Politik und Wirtschaft?

Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Bereiche stressige Arbeitsprozesse, Leistungskennzahlen und eine hierarchische Organisation haben – an manchen Stellen mit vielen Ebenen und an anderen Stellen mit einer flacheren Struktur, aber es gibt wahrscheinlich keine nicht-hierarchischen Systeme. Der Unterschied besteht darin, dass unternehmerische Ziele in den meisten Fällen leichter messbar sind: Umsatz, Gewinn, abgeschlossene Projekte, errichtete Anlagen, etablierte Geschäftsprozesse, EBITDA. Im Falle der Regierung ist das Endergebnis viel schwieriger zu messen. Es ist wesentlich indirekter, sodass die Prozesse sehr häufig nicht auf das Endergebnis, sondern auf den Prozess selbst ausgerichtet sind. Sie erfassen die aufgewendete Zeit, die Anzahl der abgehaltenen Sitzungen, die Anzahl der verfassten Dokumente und die Anzahl der durchlaufenen Etappen. Sehr oft bringt uns all dies dem eigentlichen Ziel nicht näher, sondern wird zum Selbstzweck. Menschen, die seit sehr langer Zeit im öffentlichen Dienst tätig sind, werden in hohem Maße zu Prozesshütern und nicht zu Hütern von Zielen und Werten. Und leider ist dies auch eine professionelle Deformation. Gerade in solchen Fällen hilft der Wechsel zwischen den Welten besonders.

 

Im Gespräch mit Geschäftsleuten hören wir häufig Beschwerden über den Staat.

Beide Seiten haben Vorurteile über den jeweils anderen. Manche Mängel, die man sich gegenseitig vorwirft, gibt es gar nicht. Für mich gibt es nur einen Ausweg: Kommunikation. Geschäftsleute müssen Amtsträger und ihre Logik verstehen, denn Amtsträger sind mit der Lösung von Aufgaben beschäftigt, die viel mehr Komponenten beinhalten und in die eine größere Anzahl von betroffenen Gruppen involviert sind, so dass es mindestens schwierig ist, einen Ausgleich zwischen ihnen herbeizuführen. Die Aufgabe von Amtsträgern ist es, soziale Konflikte zu verhindern und ein stabiles und friedliches Leben der Gesellschaft zu gewährleisten.

Wenn Sie vergleichen, was Sie in Politik, Wirtschaft und Bildung erfolgreich macht – welche Qualifikationen sind das?

Tatsächlich sind es eher die „grundlegenden“ als irgendwelche ganz spezifischen Fachkenntnisse, die eine immer größere Rolle spielen werden. Heute spielt es wirklich keine Rolle mehr, welche Art von Ausbildung jemand am Anfang seiner Karriere genossen hat. Ich habe zum Beispiel einen Abschluss an einem Luftfahrtinstitut gemacht, aber meine Ausbildung ist für mein jetziges Leben nicht sonderlich relevant.

Die Entwicklung von Kommunikationsfähigkeiten, die Fähigkeit, die Arbeit von Menschen unterschiedlicher Kompetenzen und unterschiedlichen Alters zu managen, die Fähigkeit, eigene und fremde Emotionen zu verstehen, sie ohne Selbsttäuschung richtig zu interpretieren, Vertrauen zu vermitteln, Aufgaben richtig zu stellen, Kollegen mit positiven und negativen Anreizen zu motivieren – diese Dinge sind von Bedeutung für Menschen, die in großen Teams arbeiten, egal in welchem Projekt und egal in welchem Bereich sie tätig sind. Dies sind die wahrscheinlich die wichtigsten Kompetenzen für jeden, der in Teams arbeitet. Hierbei ist es egal, ob in Politik, Wirtschaft oder in Nichtregierungsorganisationen.

Was sind Ihrer Meinung nach die zentralen Probleme in den Beziehungen zwischen Staat und Unternehmen?

Der Staat versucht, die Anzahl der Risiken zu verringern, die unvorhergesehene Situationen für bestimmte Bevölkerungsgruppen sowie für die Funktionsfähigkeit von Institutionen schaffen. Doch diese Maßnahmen erhöhen auch die Kosten für Unternehmen: Für die Herstellung eines Produkts oder einer Dienstleistung muss ein Unternehmen reell mehr Aufwand, Zeit, Ressourcen und Arbeitsstunden aufwenden, als wenn es weniger Auflagen zu erfüllen hätte. Dies ist am Beispiel verschiedener staatlicher Regulierungssysteme gut sichtbar. Mit weniger Regulierung – und dementsprechend mehr Vertrauen – sind die Kosten niedriger und dies ermöglicht eine bessere Zugänglichkeit zu Produkten.

Bei mehr Einschränkungen, selbst wenn diese mit besten Absichten eingeführt wurden, sind die Kosten für das Endprodukt höher und kein Wettbewerb kann sie senken, da es sich um objektive Ausgaben handelt. Viele davon werden durch eine bewusste oder unbewusste Entscheidung der Regulierungsbehörde verursacht. Deshalb tut der Staat, wenn er etwas reguliert, zusätzliche Informationen verlangt, die Transparenz erhöht und zusätzliche Schutzmechanismen einführt, der Gesellschaft zwar gut. Aber die Kehrseite dieser Medaille ist, dass alles buchstäblich teurer und damit weniger zugänglich wird. Das ist eine weitere Folge aus der Serie: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“

Wie gut verstehen sich diese beiden Welten gegenseitig und inwieweit sehen Sie sich selbst als Vermittler zwischen diesen beiden Welten?

Sie verstehen einander, aber nicht zu hundert Prozent. Je länger sie in ihren Schützengräben sitzen, desto mehr gegenseitiges Misstrauen und Argwohn entwickeln sie. In diesem Sinne dienen Business Schools auf der ganzen Welt als wertvolle Plattformen für die Aufnahme eines Dialogs. Hier begegnen sich Vertreter von Wirtschaft, Gesellschaft und Regierung: Sie kommunizieren, finden gemeinsame Ziele und lösen aufkommende Unstimmigkeiten.

Andrei Sharonov Klassenzimmer

© SKOLKOVO Business School

In Verbindung stehende Artikel