5. November 2019

„Die Interessen des Gemeinwohls erfordern ein Mehr an Rechten und Freiheiten von Unternehmerinnen und Unternehmern.“

Im Einsatz für Kunden - im Einsatz für Wähler: Unternehmer & Politiker

Nikita Kuznetsov ist Abteilungsleiter im russischen Ministerium für Industrie und Handel. Er ist für die Entwicklung des Binnenhandels in Russland zuständig, treibt den Aufbau von Systemen zur digitalen Warenkennzeichnung voran und kämpft gegen den illegalen Handel von Produkten. Bevor der gebürtige Moskauer und studierte Jurist 2011 leitende Positionen in der russischen Handelsadministration übernahm, war er selbständiger Unternehmer: Er betrieb ein Café in der Region Moskau. Und mit diesen Erfahrungen ist er ein Einhorn in der Behördenlandschaft – stets im Einsatz für weniger Einmischung des Staates in die geschäftliche Welt und für ein Maximum an Freiheit von Unternehmern.

Nikita Kuznetsov im Interview

Herr Kuznetsov, Sie sind nach mehr als zehn Jahren Erfahrung im kaufmännischen Bereich und in der Privatwirtschaft Beamter geworden. Warum haben Sie sich entschieden, in die Verwaltung zu gehen?

Was mich nach mehrjähriger Tätigkeit als Privatunternehmer genau dazu bewogen hat, als Beamter zu arbeiten? Ich wollte, damals wie heute, die Bedingungen für das Unternehmertum in Russland erleichtern. Der Handel, einschließlich Cafés und Restaurants, gehört zu den größten Wirtschaftszweigen. Ich glaube, dass ich über einige Expertise in diesem Bereich verfüge, und als Ex-Unternehmer – als echter ehemaliger Privatunternehmer, kein Mitarbeiter eines Privatunternehmens – verfüge ich über eine einzigartige Erfahrung: Ich habe die Realitäten des russischen Unternehmertums persönlich „von innen heraus“ erfahren. Und wie jeder normale Mensch wollte ich ständig Dinge verändern, und es gibt eine ganze Menge Dinge, die verändert werden müssen. An dieser Veränderung zu arbeiten - das ist nur möglich, wenn man im öffentlichen Dienst arbeitet. Als ich also das Angebot erhielt, die zuständige Abteilung der Moskauer Regierung und später des russischen Ministeriums für Industrie und Handel zu leiten, stimmte ich zu.

Hat sich Ihr politisches Verständnis nach dem Wechsel von der Wirtschaft in den Staatsdienst verändert? Glauben Sie, dass Staatsdienst und Politik Menschen mit eigener unternehmerischer Erfahrung brauchen?

Der reguläre Staatsdienst unterliegt sehr individuellen Merkmalen. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist, dass Ergebnisse nicht immer in Geld messbar sind, wie das im normalen Geschäftsleben der Fall ist. Im Gegenteil: Man muss oft Entscheidungsoptionen ablehnen, die beispielsweise zu Haushaltsgewinnen führen, aber der Wirtschaft generell oder dem Gemeinwohl schaden. Es gibt viele Beamte, die aus der Wirtschaft kommen. Aber das sind meist ehemalige Angestellte – nicht nur aus Privatunternehmen sondern auch aus Staatkonzernen. Diese Leute sind für mich nicht wirklich „aus der Wirtschaft“. Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Ich habe mein eigenes Unternehmen – ein kleines Unternehmen – auf eigenes Risiko geführt. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass das nicht dasselbe ist wie beispielsweise die Arbeit als Manager eines großen Unternehmens – nichts für ungut. Es gibt nur sehr wenige Menschen wie mich mit eigener unternehmerischer Erfahrung, die für staatliche Behörden arbeiten, fast keine. Gott sei Dank ist mein Chef mir in dieser Hinsicht recht ähnlich und so haben wir, glaube ich, ein effektives Team gebildet und wir müssen uns nicht gegenseitig Dinge erklären, die für jeden echten Unternehmer total klar sind. Wir haben eine sehr anspruchsvolle Aufgabe – nämlich unseren Kollegen, denen es an ähnlichen Erfahrungen mangelt, Dinge zu erklären, die manchmal recht offensichtlich sind. Zum Beispiel, dass der Staat Unternehmern nicht vorschreiben kann und darf, wie sie ihr Unternehmen führen sollen. Der Staat muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Unternehmer ihre Talente einsetzen und ihre Aktivitäten ausüben können. Gleichzeitig muss der Staat natürlich Interessen des Gemeinwohls berücksichtigen. Je weniger der Staat tatsächlich eingreift, um Vorschriften zu erlassen, desto besser ist es für uns alle.

Nikita Kuznetsov bei einer Konferenz

Nikita Kusnezov, Russian Retail Week; © Ministerium für Industrie und Handel

Im Gespräch mit Geschäftsleuten hören wir häufig ihre Beschwerden über Staat und Politik. Manchmal haben wir sogar das Gefühl, Politiker zu verteidigen zu müssen – ihre Arbeit ist genauso hart und die Verantwortung genauso hoch. Hören Sie auch Beschwerden über Politiker? Was halten Sie von ihnen?

Ja, wir bekommen viele Beschwerden. Meistens geht es um eine übermäßige Einmischung des Staates in geschäftliche Angelegenheiten. Was soll ich sagen? Wahrscheinlich sind 80% unserer Arbeit als Ministerium darauf ausgerichtet, die Verabschiedung falscher Entscheidungen zu verhindern, die der Wirtschaft schaden können. Dazu versuchen wir, alle relevanten Entscheidungen nicht nur gemeinsam mit Wirtschaftsvertretern zu diskutieren, sondern auch gemeinsam vorzubereiten.

Nikita Kuznetsov auf dem Podium

Nikita Kusnezov, Russian Retail Week; © Ministerium für Industrie und Handel

Wenn Sie Ihre aktuelle Tätigkeit im Staatsdienst und Ihre frühere unternehmerische Tätigkeit vergleichen: Hängt der Erfolg jeweils von den gleichen oder von unterschiedlichen Eigenschaften ab? Welche Fähigkeiten, die Sie im Wirtschaftsleben gelernt haben, helfen Ihnen als Beamter? Und welche sind von Nachteil?

Es ist wirklich schwierig, diese Frage zu beantworten. Sie ist zu philosophisch. Wie gesagt, der Staatsdienst umfasst eine besondere, eigentümliche Art von Tätigkeiten. Meiner Meinung nach gilt dies nicht nur für Russland, sondern auch für andere europäische Länder. Wie ich schon sagte, sind die Vorstellungen von Ergebnis und Prozess in Wirtschaft und öffentlichem Dienst oft völlig unterschiedlich, und das sollten sie auch sein. Ich glaube zum Beispiel, dass die Arbeit eines staatlichen Organs nicht auf dem Prinzip der Projektarbeit aufbauen kann – mit einigen Ausnahmen, wenn etwas, das realisiert werden muss, einen bestimmten Anfang, ein bestimmtes Ende und ein bestimmtes Ziel hat. Im Grunde genommen bestehen 90% der staatlichen Arbeit aus täglichen Routinetätigkeiten – unabhängig davon, ob es sich um eine Polizistin oder einen Mitarbeiter des Ministeriums handelt. Dies ist eine häufige Streitfrage zwischen uns und unseren Kollegen, die aus der oben genannten sogenannten „Wirtschaft“ kommen, also ehemaligen Managern von Großunternehmen. Sie glauben, dass durch Projektarbeit, die in „Projektteams“ durchgeführt wird, viel mehr erreicht werden kann. Es wird sich erst im Laufe der Zeit herausstellen, ob sie Recht haben, aber ich persönlich glaube das nicht.

Wer also für den Staat arbeitet, muss sich an einen recht monotonen Prozess gewöhnen, der oft auch streng geregelt ist. Das ist nicht einfach, viele Menschen können das auch nicht ertragen.

Kann die Erfahrung im öffentlichen Dienst für die Wirtschaft genutzt werden? Wenn man davon ausgeht, dass Wirtschaft bedeutet, für ein großes Unternehmen zu arbeiten, dann kann sie das wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad. Wenn es um ein eigenes Unternehmen geht – dann kaum. Das erfordert andere Eigenschaften und Kompetenzen. Wenn Sie jedoch diese Eigenschaften besitzen, dann wird Ihnen Ihre Erfahrung im Staatsdienst definitiv nicht schaden, genauso wenig wie jede andere Erfahrung.

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptprobleme in der Wechselbeziehung zwischen Wirtschaft und Staat?

Ich kann Ihnen ganz klar sagen: Oft sind es die Unternehmen, hauptsächlich vertreten durch Großunternehmen, die den Staat auffordern, bestimmte zusätzliche Vorschriften zu erlassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das falsch ist, und ich versuche immer, ihnen das zu erklären. Das ist eines der Probleme.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Beamte der festen Überzeugung sind, dass Unternehmen – ich spreche in erster Linie von reinen Marktsegmenten wie dem Handel - betreut und überwacht werden müssen. Weil sonst etwas Schlimmes passieren könnte. Sie glauben, dass wenn wir Unternehmern mehr Freiheit einräumen, dies Risiken birgt. Interessanterweise glauben das auch viele Geschäftsleute selbst. So sind beispielsweise auch die Vorschläge unseres Ministeriums, übermäßige, oft verfahrenstechnische Hygienevorschriften für Handel und Gastronomie radikal zu reduzieren, bei einigen Großunternehmen auf Misstrauen gestoßen: Ihre Denkweise hindert sie daran, das Paradigma „lieber auf Nummer sicher gehen“ abzulehnen.

Wie gut verstehen sich diese beiden Welten gegenseitig und inwieweit sehen Sie sich selbst als Vermittler zwischen diesen beiden Welten?

Ich sehe mich definitiv nicht als Vermittler zwischen zwei Welten. Ich betrachte meine Arbeit etwas prosaischer. Messiasgehabe führt direkt in den Wahnsinn, wie Sie vielleicht wissen. Aber im Ernst, sowohl die Wirtschaft als auch der Staat sind Bestandteile derselben Gesellschaft mit all ihren Problemen, Mythen und Klischees. Unser Ziel ist es, das zu tun, was wir nach unserem Verständnis und unserer Erfahrung für richtig halten und was für das Gemeinwohl von Vorteil ist. Und meiner Meinung nach erfordern die Interessen des Gemeinwohls derzeit eine Ausweitung der Rechte und Freiheiten von Unternehmerinnen und Unternehmern.

Nikita Kuznetsov Profilbild

Nikita Kusnezov, Abteilungsleiter für die Entwicklung des Binnenhandels, Systeme digitaler Warenkennzeichnung und Legalisierung des Produkthandels; © Ministerium für Industrie und Handel

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