8. Januar 2020

"Wenn der Wille zur Kommunikation vorhanden ist, verschwinden die Unterschiede"

Interview mit Ivan Štefanec, Mitglied des Europäischen Parlaments

Ivan Štefanec, slowakischer Politiker der Slowakischen Demokratischen und Christlichen Union – Demokratische Partei. Gerade hat er seine zweite Amtszeit als Mitglied des Europäischen Parlaments begonnen. Wir sprachen mit ihm über die Arbeit im Europäischen Parlament und seine Erfahrung aus der Wirtschaftswelt.

Herr Štefanec, Sie haben gerade Ihre zweite Amtszeit als Mitglied des Europäischen Parlaments begonnen. Ihr Job bringt viele Reisen und viel Abwesenheit von zu Hause mit sich. Haben Sie noch Zeit zum Kochen und für schöne Stunden mit Ihrer Familie?

Ich bin froh, dass ich jedes Wochenende mit meiner Familie zu Hause in der Slowakei verbringen kann. Obwohl es manchmal schwierig ist, Zeit zu finden, versuchen wir immer, an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen oder gemeinsam Sport zu treiben. Was das Kochen betrifft – meine Frau ist die beste Köchin. Ich würde es nicht wagen, mit ihr in der Küche zu konkurrieren.

Bevor Sie in die Politik gegangen sind, haben Sie über zehn Jahre für Coca-Cola Slowakei gearbeitet, unter anderem als CEO. Wie hilft Ihnen Ihre Erfahrung und Ihr Hintergrund in der Privatwirtschaft bei Ihrer Arbeit im Europäischen Parlament.

Meine bisherige Erfahrung in der Wirtschaft hilft mir, die Auswirkungen bestimmter Rechtsvorschriften auf Unternehmen und deren Mitarbeiter besser einzuschätzen. Im Laufe meiner Karriere habe ich ein Netzwerk aufgebaut, das mir im Bedarfsfall fachkundigen Rat geben kann.

Sie haben einmal erwähnt, dass Sie das Wort „Veränderung“ als Titel Ihrer persönlichen Biografie wählen würden. Wie kommt das?

Im Leben geht es um Veränderung. Ich bin in ein totalitäres Regime hineingeboren worden und heute habe ich die Ehre, das slowakische Volk in einem demokratisch gewählten Europäischen Parlament zu vertreten. Mein erster Job war in einer großen Rüstungsfirma und später habe ich in einem internationalen Nahrungsmittel- und Getränkeunternehmen gearbeitet. Ich denke, dass es die Aufgabe eines jeden sein sollte, sich selbst und die Gesellschaft zum Besseren zu verändern.

Ivan Stefanec, Mitglied des Europäischen Parlaments
Ivan Štefanec, Mitglied des Europäischen Parlaments
© Büro Ivan Štefanec

Sie sind kürzlich zum Präsidenten des Bierclubs des Europäischen Parlaments gewählt worden. Was ist die Mission des Clubs? Wie tragen diese Foren und der Dialog mit den Stakeholdern zur parlamentarischen Arbeit bei?

Das Bierbrauen ist ein wichtiger Teil unserer europäischen Kultur und Wirtschaft. Bevor Bier den Verbraucher erreicht, hat es eine lange Reise hinter sich und jede Phase dieser Reise wirkt sich auf die Qualität und den Preis des Bieres aus. Die Mission des Clubs ist die Erhaltung und Entwicklung des europäischen Bieres in jeder Hinsicht. Angefangen vom Anbau der Zutaten bis hin zur Kultur des Servierens. Wenn wir erfolgreich agieren wollen, müssen wir mit Herstellern und Händlern kommunizieren, um zu wissen, wie und in welcher Form wir ihnen helfen können.

In den letzten Jahren haben wir eine zunehmende Spaltung zwischen West- und Osteuropa erlebt. Manchmal haben wir ganz unterschiedliche Sichtweisen auf die gleichen Themen, zum Beispiel hinsichtlich Produkten mit unterschiedlicher Qualität. Wie könnten Unternehmen und die Zivilgesellschaft gemeinsam daran arbeiten, den derzeitigen Vertrauensmangel gegenüber politischen Institutionen und großen Unternehmen zu überwinden?

Bei allem geht es um Dialog und guten Willen. Wenn der Wille zur Kommunikation vorhanden ist, verschwinden die Unterschiede. Wenn nur scharfe Worte fallen, wächst das gegenseitige Misstrauen. Die unterschiedliche Qualität von Lebensmitteln ist ein gutes Beispiel dafür, wohin Missverständnisse führen können. Es gibt zwar die unterschiedliche Qualität, aber sie ist laut einschlägiger Forschung nicht auf eine bestimmte Region oder einen bestimmten Staat beschränkt. Einige populistische Politiker haben sie jedoch dazu benutzt, um Menschen wegen einer vermeintlichen Zweiklassengesellschaft der Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union zu verunsichern. Diese ist aber nicht wahr. Konzentrieren wir uns auf die Beschaffenheit unserer Probleme, kommunizieren wir offen und das Misstrauen wird verblassen.

In den politischen Leitlinien der neuen Europäischen Kommission werden KMU folgendermaßen beschrieben: „Sie zeigen unsere Wirtschaft von ihrer besten Seite.“ Was können wir in den nächsten fünf Jahren hinsichtlich neuer politischer Maßnahmen für KMU in Europa erwarten?

Es ist zweifellos richtig, dass KMU „die beste Seite der Wirtschaft“ darstellen. Kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Sie bringen Beschäftigung in die Regionen, erhalten Traditionen und soziale Bindungen. Die Globalisierung und Digitalisierung bringen jedoch neue Herausforderungen mit sich, denen sich diese Unternehmen stellen müssen. Wo es sich ein großes Unternehmen leisten kann, in Technologie zu investieren, ist ein Kleinunternehmer im Nachteil. Unsere Aufgabe ist es daher, KMU dabei zu helfen, diese Hindernisse zu überwinden. Das Geschäftsumfeld funktioniert nur dann gut, wenn kleine und große Unternehmen zusammenarbeiten.

In Verbindung stehende Artikel