24. März 2020

Harte Zeiten für die Gastronomie

Die Corona-Krise bedroht die Existenz vieler Kleinunternehmen

Leere Stühle und Tischreihen prägen das aktuelle Bild in den Gaststätten Deutschlands. In nur wenigen Tagen hat COVID-19 Kontrolle über unseren Alltag gewonnen. Es begann mit Absagen von Messen und diverser Großveranstaltungen. Nun müssen auch Restaurants, Bars, Coffe Shops - all die Orte, die unseren Alltag bereichern – notgedrungen schließen.

Corona-Krise

Hochgestellte Stühle, ausgeknipste Lichter, an der Tür ein Zettel: „Aufgrund der aktuellen Situation vorübergehend geschlossen.“ Innerhalb nur weniger Tage hat COVID-19 Kontrolle über unseren Alltag gewonnen. Der Coffee-to-go vom kleinen Café auf dem Weg zur U-Bahn, das Abendessen mit Freunden im Kiez-Italiener – all das sind kleine Inseln unseres Alltags. Und nun vorübergehend Sperrzone: Um die Geschwindigkeit der Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen, gilt es persönlichen Kontakt zu reduzieren. In keiner anderen Branche steht das Zusammensein so im Vordergrund wie in der Gastronomie. Die Gastronomie ist daher besonders betroffen von den Auswirkungen, die die Corona-Krise auf die Wirtschaft haben wird.

Es begann mit abgesagten Messen. „Wir haben nahezu 100% aller Cateringeinnahmen durch Messe- und Veranstaltungsabsagen verloren. Hinzu kommen die ausbleibenden Messebesucher“ erzählt Yasim Standke, Inhaberin des Cafés „Yaz Up“ im Berliner Westen. Mitte März sagte sie Umsatzeinbußen von 25 Prozent voraus. Seitdem hat sich die Lage rapide verschlechtert. Mit der wachsenden Angst vor Ansteckung im Getümmel eines Restaurants brachen der Gastronomie zunehmend die Gäste weg. Dann kamen die staatlichen Anordnungen. Im Flickenteppich. Seit gestern ist jetzt klar: Kein Restaurant, kein Café in ganz Deutschland wird in den nächsten mindestens zwei Wochen seine Türen öffnen.

Wir haben nahezu 100% aller Cateringeinnahmen durch Messe- und Veranstaltungsabsagen verloren. Allein für den Monat März bedeutet das bisher -25 % Umsatz!

Yasmin Standke, Inhaberin Café „Yaz Up“
Buchkantine, Berlin

© Buchkantine

Nun bleiben die Umsätze ganz weg – und der Zeitpunkt ist besonders dramatisch: „Gerade wir Gastronomen, die ab März einen Liquiditätszuwachs verzeichnen, sind davon hart getroffen, wenn dieser normale Aufschwung im Jahr völlig wegbricht,“ sagt Fridolin Taudtmann von der Buchkantine in Berlin. Es treffe eine Branche, die ohnehin an vielen Stellen kämpft: Mindestlohn, Bürokratie, steigende Energie- und Warenkosten. In den Margen dagegen sei wenig Spielraum: „Wenn sich die breite Masse der Bevölkerung gerade mal so eine Mietwohnung leisten kann. Wie sollen unsere Gäste dann 5 Euro für einen Kaffee bezahlen?“

Fridolin sieht für die weitere Entwicklung schwarz: „Wenn jetzt die Umsätze einbrechen, muss ganz klar von einer Art Massensterben familiengeführter Unternehmen ausgegangen werden. Und das ist keine Übertreibung, das Gasthaussterben war ja vorher schon real. Mit Covid-19 wird das nur noch schneller geschehen.“

#Supportyourlocal

#Supportyourlocal – die Bedrohung der Corona-Krise für kleine Unternehmen ist allen klar. Und von Berlin bis Wien wird in den sozialen Medien dazu aufgerufen, in diesen Zeiten kleine Unternehmen zu unterstützen – vom Yoga-Studio hin zum Café. Die Krise animiert Unternehmer kreativ zu werden, wenn es darum geht, ihre Produkte im Rahmen des Kontaktverbots weiter an ihre Kunden zu bringen: Gutscheine heute für die Zeit nach der Krise kaufen, Lieferservices, Außerhausverkauf. Nun ist es wichtig, dass wir alle diese Angebote wahrnehmen! Und spielt jeder von uns eine Rolle, selbständiges Unternehmertum wertzuschätzen. Wer nach der Corona-Krise weiterhin sein Lieblingslokal um die Ecke besuchen möchte, sollte in diesen Tagen mal anrufen und fragen, ob es auch einen Lieferdienst gibt – oder den Spaziergang nutzen, und sich Gerichte mit nach Hause nehmen.

Siehe auch:

helfen.berlin

vorfreude.kaufen

mainz.help

gutundschein.de

rette-deinen-lieblingsladen.de

Die Politik will genau das verhindern. Die Bedrohung für die Gastronomie – sie ist angekommen. Mit zunehmenden Restriktionen für Gesellschaft und Wirtschaft kamen auch die Ankündigungen für Unterstützung: Schutzschild für Beschäftigte und Unternehmen mit Kurzarbeitergeld, steuerlichen Hilfen durch Stundungen und Anpassung der Vorauszahlungen sowie ein maximale Ausweitung der Programme für Liquiditätshilfen, um z.B. das Kreditangebot der Hausbanken mit der KfW im Rücken für betroffene Betriebe auszuweiten und zugänglich zu machen. Am 25. März wird zudem ein 10 milliardenschweres Hilfsprogramm für Soloselbständige und Kleinunternehmen im Bundestag besprochen.

Finanzministerium NRW

© Finanzministerium NRW

Auch die Bundesländer zogen schnell nach: Soforthilfeprogramme wurden in Hamburg, Bayern, Saarland und Berlin angegangen. Mietstundungen angekündigt, Finanzierungsinitiativen aufgesetzt. Alles soll schnell und unbürokratisch wirken. Untätigkeit kann man wirklich niemandem in vorwerfen. Aber bringen die Maßnahmen auch etwas?

Auf positive Rückmeldungen stoßen die Flexibilisierungsmaßnahmen im Bereich Kurzarbeitergeld und die vollständige Erstattung der Sozialversicherungsbeiträge. Auf erste Kritik stoßen dagegen die Liquiditätshilfen. Die Kriterien für die Kreditvergabe sind streng – und gerade Gastronomen gehören nicht zu den beliebtesten Kunden, denen Hausbank Kredite geben, bei denen sie selbst Risiken zu tragen haben. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat hier nun Nachbesserung versprochen und die staatliche Haftung von 80 auf 90 Prozent für Betriebsmittelkredite erhöht, um den Banken mehr Spielraum zu geben.

Aber warum überhaupt einen Kredit aufnehmen, wenn man ihn nicht zurückzahlen kann? Die Verluste der vergangenen und der bevorstehenden Monate – ein schnelles Ende der Pandemie mit zügigen Aufhebungen der beschlossenen Schutzmaßnahmen ist zunächst nicht in Sicht – werden groß ein. Für diese Unternehmen muss der Härtefall gelten. Hoffnung liegt daher insbesondere auf Hilfsfonds, der genau diese Unternehmen ohne Auflagen und mit wenig Bürokratieaufwand bedient und kurzfristig unterstützt – fordert beispielsweise der DEHOGA. Die angekündigten Soforthilfen auf Bund- und Länderebene sind ein guter, erster Schritt. Bayern ist mit seinem Soforthilfeprogramm Corona für kleine Betriebe am schnellsten in die Umsetzung gegangen. Die ersten Gelder sind bereits jetzt geflossen. Damit kommt das Bundesland einer der Hauptforderungen: Es muss WIRKLICH schnell gehen! Viele können nicht Wochen warten, bis erste Gelder da sind. Denn auch wenn wir über diesen Virus vieles noch nicht wissen, dann doch das: Es stehen Existenzen auf dem Spiel.

Bernd Niemeier zu Gast bei "Hart aber Fair"

© hart aber fair

Wir werden alles tun, was notwendig ist, um Arbeitsplätze, Unternehmen und die Gesundheit zu verteidigen. Wir können das und nutzen unsere Möglichkeiten jetzt in dieser Krise.

Olaf Scholz, Bundesminister der Finanzen

Jeder von uns sieht die Auswirkungen, wenn er kurz zum Einkaufen seine Wohnung verlässt und den Kiez entlangläuft. Wenn deutlich wird, wie viel Farbe und Leben fehlt, die Cafés und Restaurants sonst in unser Leben bringen. Auch in der Politik sind die akuten Belastungen verstanden worden. Die Gastronomie hat seitens der Politik schon lange nicht mehr so viel Aufmerksamkeit erhalten, wie zu Zeiten der Corona-Pandemie. Das ist traurig – und die Krise damit eine deutliche Aufforderung für die Zeit nach Corona, auch die chronischen Herausforderungen der Branche stärker in den Blick zu nehmen und die politischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Gastronomie sich als Ort des Zusammenseins behaupten kann – wenn Zusammensein endlich wieder möglich ist.

Olaf Jordt

Olaf Jordt, Head of Customer Training Hospitality.digital

Olaf lebt Faszination & Leidenschaft für die Gastronomie: Erste starke Berührungspunkte mit dieser Branche hatte Olaf bereits in seiner Kindheit. Der Besuch des damaligen „Traumschiff“ MS Astor und ein kurzer Blick in die Lobby des berühmten Hotel Atlantik in Hamburg haben etwas in ihm tief berührt – es entstand genau in diesen Momenten die Faszination, mit großer Leidenschaft anderen Menschen unvergessliche Momente zu bereiten. Nach einer erfolgreichen Ausbildung im Gastgewerbe folgte sehr schnell ein Management-Training, um ein Jahr später für das luxuriöse Hotel Ritz-Carlton, Wolfsburg Teil des Eröffnungsteams zu sein. Wie schwer und sensibel es ist als Unternehmer in diesem Gewerbe tätig zu sein erlebte Olaf am eigenen Leib, als er die Nachfolge eines Privathotels an der Ostsee antrat. Seine eigentliche Berufung fand er genau hier: Andere Unternehmer im Gastgewerbe dabei zu beraten, die richtigen strategischen Entscheidungen zu treffen und sie auf ihrem Erfolgsweg zu unterstützen. Nach 15 Jahren Beratung in der facettenreichen, privaten Hotellerie und Gastronomie kam er 2018 zu METRO, um bei Hospitality.digital Gastro-Consulting & Training international zu skalieren, damit METRO seine Kunden in Zukunft noch erfolgreicher machen kann.

 

Olafs Meinung ist sehr gefragt:

Der Umfang der Soforthilfe der Bundesregierung wird immer konkreter. Es fehlt aber immer noch vor Allem an Lösungen explizit für gastronomische Betriebe. Warum die derzeitigen Maßnahmen für die Gastronomie nicht passend sind und weiter Unsicherheit bedeuten können:

Kurzarbeit wurde bereits von vielen Gastronomen beantragt. Der Nachteil für selbständige Gastronomen dabei ist, dass im Antragsmonat die Gehälter vom Unternehmen vorfinanziert werden müssen und es ist nicht absehbar, bis wann die Vielzahl der Anträge bearbeitet werden können. Gerade Servicemitarbeiter, die häufig, aufgrund von Trinkgeld, ein niedrigeres Lohnniveau als z. Bsp. Köche haben, können mit 60% Kurzarbeitergeld ihren Lebensunterhalt nicht decken. Für bestimmte Branchen, wie die Gastronomie, sollte die Auszahlung des Kurzarbeitergeldes 100% vom Nettogehalt betragen.

Staatliche Kredite und Bürgschaften sind aus zweierlei Sicht keine geeignete Hilfe für die Gastronomie. Auf der einen Seite können staatlich geförderten Kredite nur über die Hausbank beantragt werden, die wiederum für 10% des Kreditbetrages haften muss. Für die bedeutet das jede Menge Aufwand, der sich nicht auszahlt. Aus meiner Erfahrung ist es nicht einfach eine Bank zu finden, die einen Gastronomen bei der Beantragung von KfW Krediten begleitet. Zum anderen geht es hierbei um Betriebsmittelkredite, die zurückgezahlt werden müssen. Da diese Art der Verschuldung ohne gleichzeitigen Aufbau von Kapital geschieht, ist eine erhöhte Liquiditätslast für die Kleinunternehmer zu spüren – die Tilgung dieser Darlehen wirkt sich nicht steuermindernd aus.

Bei den Förderungen auf Landesebene gibt es interessante Maßnahmen für die Gastronomie. Einige Länder wollen hier den Kleinen und mittleren Unternehmen, bspw. mit bis zu 10 Mitarbeitern, unbürokratisch bis zu 15.000 Euro bereitstellen, um vorerst das Nötigste bezahlen zu können. Brandenburg geht mit bis zu 60.000 Euro für Betrieben mit 100 Mitarbeitern sogar noch weiter. Das sind meiner Meinung nach, die richtigen Maßnahmen. Der Nachteil hierbei ist allerdings, dass sich die Leistungen von Land zu Landunterscheiden. Außerdem muss jetzt von Fall zu Fall geprüft werden, um den Echten Bedarf zu decken.

Ich bin davon überzeugt, dass die Bereitschaft der Regierung wirklich groß ist, jedem Betrieb zu helfen. Während sich Gastronomen mit ihren Sorgen und der bloßen Angst um die Unternehmensexistenz in Geduld üben, sehe ich es als Pflichtaufgabe für jeden Unternehmer möglichst schnell eine Liquiditätsplanung zu erstellen. Denn diese wird in jedem Fall für die meisten Förderungen benötigt werden und es ist zu erwarten, dass viele Gastronomen diesen Plan noch nie für sich erarbeitet haben.

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