6. März 2019

Habt Mut!

Im Einsatz für Kunden - im Einsatz für Wähler: Unternehmer & Politiker

Mit dem Internet-Unternehmer und FDP-Politiker Jimmy Schulz haben wir über die Herausforderungen als selbstständiger Unternehmer und Politiker gesprochen - darüber, wie er beide Leidenschaften miteinander verbindet und dass in jeder Niederlage auch eine Chance steckt.

Jimmy Schulz

 

Jimmy Schulz ist ein Macher. Schon während des Studiums hat er seine erste eigene Firma gegründet und sie später an die Börse gebracht. Weil er sich durch politische Maßnahmen in seiner unternehmerischen Freiheit eingeschränkt sah, trat er in die FDP ein und kämpft seitdem auch auf dem politischen Parkett für seine Überzeugungen und für seine Leidenschaft – die Digitalisierung. Seit 2017 ist Jimmy Schulz wieder Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda und Mitglied im Innenausschuss.

 

 

In der Bundespolitik gibt es kaum jemanden, den das Thema Neue Medien – auch als Unternehmer - schon so lange beschäftigt wie Sie. Wann haben Sie ihr Interesse dafür entdeckt?

 

Die Leidenschaft für Technik zieht sich durch mein ganzes Leben. Als Schüler in der siebten Klasse hatte ich Informatikunterricht und das hat mich sofort fasziniert. Meinen ersten PC gab es dann allerdings erst zum 16. Geburtstag, davor habe ich mich in die Schlange im Kaufhaus gestellt, um dort für 10 Minuten am Vorführcomputer auszuprobieren, was ein Commodore C-64 so alles kann. Als ich dann endlich einen eigenen Computer hatte, habe ich für die Arztpraxis meiner Mutter Datenverwaltung, Textverarbeitung, Druckertreiber, alles was man eben so braucht, programmiert. Meine Mutter war froh, dass das jemand übernimmt, der Spaß an der Sache hat. Und das hatte ich.

 

Meine Diplomarbeit schrieb ich 1999 über das Thema „Kryptographie im Internet – eine politische und politikwissenschaftliche Herausforderung in der Informationsgesellschaft“. Nebenher habe ich in verschiedenen IT-Unternehmen gearbeitet und schließlich, während des Politikstudiums, mit Freunden eine eigene Firma gegründet, CyberSolutions, die bis heute existiert. Wir waren eine der ersten Firmen, die sich damals schon mit allem rund um das Internet beschäftigt hat. Der Bedarf war da, das Ganze wuchs, wir bekamen Investoren, 2000 gingen wir an die Börse, es lief super. Dann ging es abwärts, wir haben viel Geld verloren und mussten noch einmal neu anfangen.

Es ging für mich ein Traum in Erfüllung, als ich endlich als Abgeordneter meiner Passion für alles Digitale nachkommen konnte und die Möglichkeit bekam, selbst etwas verändern zu können!

Im Jahr 2000 sind Sie Mitglied der FDP geworden. Was hat Sie veranlasst, sich politisch zu engagieren?

 

Das hatte im Wesentlichen zwei Gründe. Auf der einen Seite, hatte ich plötzlich mehr Zeit, mich mit Politik, die mich immer schon interessiert hat, zu beschäftigen. Hinzu kam, dass die rot-grüne Regierung 1998 die Telekommunikationsüberwachungs-Verordnung einführen wollte und ich mich in meiner Freiheit als Unternehmer politisch eingeschränkt fühlte. Ich wollte mich wehren. Also bin ich in die FDP, die damals in Bayern kaum beachtet wurde, eingetreten und habe da bis heute meine politische Heimat gefunden. 2002 wurde ich in den Gemeinderat von Hohenbrunn gewählt, war Kreisrat in München-Land, 3. Bürgermeister in Hohenbrunn, Kandidat für den Landtag und zog dann schließlich 2009 als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein. Dort war ich als Mitglied im Innenausschuss zuständig für IT-Sicherheit und Datenschutz, Mitglied der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft. Es ging für mich ein Traum in Erfüllung, als ich endlich als Abgeordneter meiner Passion für alles Digitale nachkommen konnte und die Möglichkeit bekam, selbst etwas verändern zu können!

 

Sie sagten gerade, Sie wollten sich wehren. Welchen Einfluss haben politische Werte, Überzeugungen in Ihrem Arbeitsleben und in Ihrem politischen Engagement gehabt?

 

Mich hat z.B. schon immer das Thema Privatsphäre, Meinungsfreiheit und Teilhabe angetrieben. Meine Mutter war Republikflüchtling aus der DDR, ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass die Telefonate mit meiner Familie in Ostdeutschland abgehört wurden. Das hat mich geprägt, denn die Angst, abgehört zu werden, führt dazu, dass Menschen mehrfach überlegen, was sie sagen und Angst davor haben, ihre Meinung offen zu vertreten. Das darf nie wieder passieren, dafür setze ich mich ein - in meiner parlamentarischen Arbeit, in meinem ehrenamtlichen Engagement, aber auch in meinem unternehmerischen Handeln.

Niederlagen waren und sind für mich immer auch Chancen, um zu reflektieren, es besser zu machen und Verantwortung zu übernehmen.

Der FDP ist nach der Bundestagswahl 2013 der Einzug in den Bundestag nicht gelungen. Sind Niederlagen in der Politik ähnlich wie Rückschläge als Unternehmer? Auf welche Mechanismen greifen Sie zurück, um weiterzumachen bzw. wieder aufzustehen?

 

In meiner politischen Karriere haben mich zwei Ereignisse geprägt: 2008 habe ich knapp den Einzug in den Landtag verpasst und 2013 wurde die FDP-Bundestagsfraktion in den Zwangsurlaub geschickt. Da stellte sich für mich dann erneut die Frage: Was jetzt? Mir war klar, die Digitalpolitik lässt mich nicht los, auch außerhalb des Bundestages. Deswegen habe ich LOAD e. V. – den Verein für liberale Netzpolitik gegründet und mich intensiv in internationalen Gremien engagiert. Ich kehrte zurück in meine Firma CyberSolutions, welche wir innerhalb kurzer Zeit erfreulich ausbauen konnten. Und seit 2017 gehöre ich auch wieder als Abgeordneter dem Deutschen Bundestag an – als Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda und erneut Mitglied im Innenausschuss.

 

Niederlagen waren und sind für mich immer auch Chancen, um zu reflektieren, es besser zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Außerdem: Ich bin und bleibe ein unbeugsamer Optimist und vertraue, wenn mal wieder alles schief läuft, auf die Gewissheit, dass wir alle Probleme lösen können. Das hilft mir nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch in meiner Arbeit im Deutschen Bundestag. Gerade jungen Menschen, Gründerinnen und Gründern möchte ich an dieser Stelle mitgeben: Habt Mut!

Gerade jungen Menschen, Gründerinnen und Gründern möchte ich mitgeben: Habt Mut!

Jimmy Schulz German Mut

Wie unterscheiden sich die Herausforderungen in Wirtschaft und Politik? Oder sind sie sich im Grunde ziemlich ähnlich?

 

Das kommt darauf an. Ein großer Unterschied ist, dass ich als Unternehmer selbst über meinen Kalender bestimme. Als Politiker hingegen bestimmt mein Kalender über mich. Eine Gemeinsamkeit  hingegen besteht darin, dass man für seine Ideen werben muss. Als ich 2009 als Bundestagsabgeordneter meine Arbeit aufgenommen habe, galten wir Netzpolitiker als Paradiesvögel, als Außenseiter. Mittlerweile ist das anders. Die Netzpolitik ist bei (fast) allen und in allen Themenbereichen angekommen. Das liegt daran, dass wir über viele Jahre auf das Thema aufmerksam gemacht haben. Allerdings kann ein Unternehmen mit guten Ideen wohl schneller Erfolge erzielen.

 

Als selbstständiger Unternehmer sind Sie gewohnt, Dinge allein zu entscheiden – wie schwer oder leicht fällt Ihnen die Kompromissbereitschaft/-notwendigkeit in der Politik?

 

Die Suche nach einer mehrheitsfähigen Lösung, also der einer Demokratie zugrundeliegende Prozess, gehört zu den spannendsten Momenten! Bei  Verhandlungen im Geschäftsleben ist das ähnlich. Aber wenn man von einer Idee, einer Vision überzeugt ist, sollte man sich dafür einsetzen, auch wenn man damit aneckt! Als junger Abgeordneter war ich z.B. bereits 2010 der Meinung, dass der technische Fortschritt auch endlich ins Parlament einziehen muss und habe dafür gekämpft. Damals habe ich eine Rede nicht mithilfe von Stichworten auf Papier, sondern vom iPad gehalten. Was heute vollkommen normal ist, war damals ein Skandal, da so nicht vorgesehen! Meine iPad-Rede hat dann eine kleine Revolution ausgelöst: nach langen Beratungen auf höchster Ebene wurde die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages angepasst, Tablets und andere technische Hilfsmittel sind seitdem offiziell im Plenum erlaubt. Mein iPad hat jetzt einen Platz im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn gefunden.

Gerade Selbstständige können mehr Zielstrebigkeit und Passion in das Parlament bringen.

Wenn mehr Mitglieder im Bundestag selbstständige Unternehmer*innen wären, was würde sich verändern?

 

Gerade Selbstständige können mehr Zielstrebigkeit und Passion in das Parlament bringen. Außerdem hat es mir immer geholfen, dass ich mit vielen Dingen gleichzeitig jonglieren und dabei den Überblick behalten kann. Wenn man für etwas brennt, will man das auch erreichen, etwas verändern. Manchmal geht das schneller, manchmal braucht man viel Durchhaltevermögen – egal ob in einem Start-up oder in der Politik. Damit muss man klarkommen, das lernt man aber mit der Zeit.

 

Auf meinem Lebensweg konnte und kann ich immer aus meinen Erfahrungen aus beiden Bereichen profitieren und Motivation schöpfen. Wichtig sind mir hierbei vor allem die Wahrung der Freiheit, Verantwortung für das Ganze, gegenseitiger Respekt, aber auch, die Begeisterungsfähigkeit und den Spaß an der Sache nicht zu verlieren.

 

Ihr Thema, sowie als Unternehmer als auch als Politiker, ist die Digitalisierung. Wie groß sind die Herausforderungen, die auf die Wirtschaft und die Politik in den nächsten Jahren in diesem Bereich zukommen werden?

 

Wir stehen vor großen Herausforderungen, die unseren Alltag, egal ob politisch, beruflich oder privat, dramatisch verändern werden – auch wenn es Vielen erst hinterher auffallen wird.  Und als Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda will ich dazu beitragen, dass die Digitalisierung im Deutschen Bundestag, wie auch in unserer Wirtschaft und Gesellschaft den Stellenwert erhält, den sie verdient!

 

Aber damit alle von den Potenzialen der Digitalisierung profitieren können, müssen Glasfaseranschlüsse für jeden Haushalt und jedes Unternehmen selbstverständlich sein. Zudem brauchen wir eine Bildungsoffensive, denn ohne zeitgemäßes Lernen wird es uns sonst nicht gelingen, die Chancen der Digitalisierung für alle Altersgruppen greifbar zu machen. Wir müssen die Gründerszene stärken und Verwaltungsleistungen zügig digitalisieren, hier liegt viel Effizienzpotenzial und im Bereich Open Data auch großes Potenzial für innovative Geschäftsmodelle. Auch bei der IT-Sicherheit muss sich einiges verändern, wir brauchen ein Recht auf Verschlüsselung und müssen den Themen Datensicherheit und Datenschutz endlich den Stellenwert einräumen, den sie verdienen - der Anfang Januar bekannt gewordene Datendiebstahl war hoffentlich für alle ein Weckruf!

 

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